Im Winter, wenn Dampf über die Dächer der Badehäuser steigt und Schnee die Landschaft dämpft, beginnt in Japan eine besondere Art des Reisens. Dort, wo Holz, Stein und heisses Quellwasser aufeinandertreffen, verschwimmt die Grenze zwischen draussen und drinnen, zwischen Alltag und einer langsameren Zeit.
Meine japanische Freundin Akiko und ihre Familie haben mir über Jahre hinweg ihre liebsten und schönsten Onsen gezeigt – Orte, an die man nicht einfach fährt, sondern an denen man ankommt. In Japan sagt man: „Onsen wa kokoro no sentaku“ – ein Onsen ist eine Wäsche für die Seele. Wer sich darauf einlässt, merkt schnell: Das eine schönste Onsen gibt es nicht. Aber es gibt Orte, an denen sich Schönheit, Geschichte und Stille vollkommen überlagern.
Ginzan Onsen

Am Abend legt sich eine fast filmische Ruhe über das enge Tal von Ginzan Onsen. Mehrstöckige Holzhäuser aus der Taishō-Zeit reihen sich entlang eines schmalen Flusses, Gaslaternen spiegeln sich im Wasser, und aus den Dachbädern steigt Dampf in die klare Winterluft.
Wer im Yukata über die kleine Brücke geht, hört nur das Knirschen des Schnees unter den Holzsandalen (geta). Akikos Mutter blieb hier oft kurz stehen und sagte: „Shizukasa ga kirei“ – Stille kann schön sein. Drinnen, auf Tatamiböden, mit einer Schale grünem Tee, beginnt dieses Gefühl von yukkuri – bewusst langsam sein –, bevor man im heissen Wasser sitzt und der Schneefall draussen immer leiser wird.
Noboribetsu

Auf Hokkaidō zeigt sich die archaische Seite der Onsenkultur. In Noboribetsu Onsen brodelt und zischt es in einem vulkanischen Tal voller dampfender Krater und schwefelhaltiger Quellen. Hier wird spürbar, was viele Japaner schlicht jinen nennen: Natur als etwas Mächtiges, dem man sich nicht entzieht, sondern dem man sich anvertraut.
Die Bäder der Ryokan speisen sich direkt aus dem Untergrund. Das Wasser fühlt sich weich und fast cremig auf der Haut an. Akikos Vater erklärte mir einmal lächelnd: „Kara-da ga wakaru“ – der Körper versteht. Es ist ein Bad, das weniger nach Wellness als nach Elementarkraft wirkt.
Kusatsu

Kusatsu Onsen gilt unter Japanern als einer der Orte mit dem besten Heilwasser (meitō) des Landes. Im Zentrum liegt die Yubatake, ein Feld aus Holzrinnen, über das kochend heisses Wasser dampfend durch den Ort geleitet wird.
Hier zeigt sich ein wichtiger Gedanke der Onsen-Kultur: „Yu wa ikimono“ – heisses Wasser lebt. Man sieht es, man hört es, man riecht es. Abends spazieren Menschen im Yukata durch den Ort, essen eine Kleinigkeit oder tauchen ein weiteres Mal ins Bad. Zwischen Essen, Baden und der kalten Bergluft draussen verliert die Zeit ihre Schärfe. Oder wie Akiko sagt: „Kimochi ga toku“ – die Anspannung löst sich.
Onsen-Etikette: So badet man in Japan
- Zuerst waschen, dann baden
Im Waschbereich im Sitzen gründlich reinigen, Seife vollständig abspülen. - Ohne Badebekleidung
In klassischen Onsen wird nackt gebadet. Grosse Handtücher bleiben in der Umkleide. - Handtuch und Haare bleiben draussen
Das kleine Handtuch gehört nicht ins Wasser. Langes Haar zusammenbinden. - Ruhig bleiben
Kein Schwimmen, kein Planschen, keine lauten Gespräche. - Keine Fotos
Smartphones bleiben in der Umkleide – die Atmosphäre gehört allen. - Abtrocknen vor dem Umziehen
Mit dem kleinen Handtuch Wasser abstreifen, damit der Boden trocken bleibt.
Shima Onsen & Sekizenkan
Versteckt in einem schmalen Tal liegt Shima Onsen. Hier steht das historische Ryokan Sekizenkan, erkennbar an seiner roten Brücke. Schon beim Überqueren merkt man, wie die Aussenwelt einen Schritt zurücktritt. Fun Fact: Dieses Ryokan ist das älteste japanische Hotel mit heisser Quelle, das sich noch in Betrieb befindet. Es wurde 1691 eröffnet und diente als Vorlage für den Oscar-prämierten Zeichentrickfilm „Chihiros Reise ins Zauberland“.
Das Holz knarzt, Gänge winden sich, warme Luft riecht nach Stein und Feuchtigkeit. Akikos Grossmutter nannte solche Orte „kokoro no furusato“ – eine Heimat für das Herz. Ob real oder märchenhaft spielt keine Rolle; entscheidend ist dieses Gefühl, für einen Moment aus der eigenen Zeit herauszufallen.
Dōgo Onsen
Mit Dōgo Onsen erreicht man einen der ältesten Onsen Japans. Das hölzerne Badehaus wirkt wie eine Bühne aus verschiedenen Jahrhunderten, auf der sich Alltag und Geschichte überlagern.
Innen ist es lebendig, aber ruhig – hadaka no tsukiai, das „nackte Miteinander“, beschreibt diese besondere Form von Gleichheit im Onsen. Niemand ist wichtiger als der andere, alle sind einfach Badegäste. Nach dem Bad geht man hinaus in die Strassen von Matsuyama, isst etwas Warmes, schlendert weiter. Szenen, die sich fast wie ein Film aneinanderfügen.
Nanki-Shirahama
Ganz im Süden, an der Küste der Präfektur Wakayama, zeigt Nanki-Shirahama eine andere Facette der Onsen-Kultur. Hier trifft heisses Wasser auf den Pazifik, yu auf umi.
Während man im Felsbad sitzt, schlagen Wellen gegen die Küste, Salz liegt in der Luft, der Wind kühlt die Haut. Akiko sagte hier nur: „Kore ga nihon rashii“ – das fühlt sich sehr japanisch an. Ein Zusammenspiel von Gegensätzen, das erstaunlich harmonisch wirkt.
Meine Empfehlungen für deinen ersten Onsen-Besuch:
- Zeit einplanen: Ein Onsen wirkt am besten, wenn danach nichts mehr wartet.
- Mehrere kurze Badegänge: Lieber öfter hinein als einmal zu lange. Dazwischen abkühlen und trinken.
- Aussenbäder nutzen: Gerade im Winter entsteht hier der stärkste Kontrast – und oft der schönste Moment.
- Nicht vergleichen: Manche Onsen beeindrucken nicht sofort, bleiben aber länger im Gedächtnis.
- Respekt vor dem Ort: Viele Bäder existieren seit Jahrhunderten. Wer leise ist, wird Teil dieser Geschichte.
Am Ende bleibt kein Ranking, sondern eine Sammlung von Momenten: Schneefall über Gaslaternen, Schwefeldampf im Wald, das Brodeln der Yubatake, knarrende Holzböden, Bühnenlicht und Meeresrauschen. Vielleicht ist das schönste Onsen genau der Ort, an dem man die Uhr vergisst – und der Alltag im Dampf so unscharf wird, dass er für eine Weile keine Rolle mehr spielt. Oder, wie es Akikos Familie ausdrückt: „Yoku atatamatta ne.“ Du bist richtig warm geworden.



