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Tokio oder Osaka? Wer zum ersten Mal nach Japan reist, besucht meistens beide – und nimmt Kyoto gleich noch mit. Ich habe in Tokio und Osaka nicht nur ein paar Tage verbracht, sondern mit meiner Familie jeweils einen Monat gelebt. Und gerade mit kleinem Kind war mein Fazit überraschend eindeutig: Osaka hat für unsere Familie die Nase vorne.

Larissa hat Tokio bereits mehrmals bereist und war dieses Jahr zum ersten Mal in Osaka.

In Osaka verbringt man weniger Ferienzeit auf dem Weg irgendwohin

Tokios öffentliches Verkehrsnetz ist fantastisch. Wahrscheinlich eines der besten Argumente überhaupt für die Stadt. Das Problem ist nicht, ob man irgendwo hinkommt, sondern wie viel Zeit sich über einen ganzen Tag summiert.

Tokio besteht nicht aus einem klassischen Stadtzentrum. Shinjuku, Shibuya, Ginza, Ueno, Asakusa, Ikebukuro oder die Gegend rund um Tokyo Station sind riesige Bezirke, deren schiere Grösse unsere europäischen Gehirne ein bisschen überfordert. Deswegen empfehlen die meisten Tokio-Kenner:innen, dass man Ausflüge und Sightseeing fest nach Tagen und Zentren plant.

In Osaka liegen viele der für Reisende interessanten Stadtteile entlang einer zentralen Achse. Die Midosuji Line verbindet beispielsweise Shin-Osaka, Umeda, Honmachi, Shinsaibashi, Namba und Tennoji direkt miteinander. Mit Kindern macht das einen enormen Unterschied, weil man auch mal spontaner herumfahren kann.

Es ist einfacher, die richtige Homebase für die ganze Familie zu finden

Dieser Grund ist rein praktischer Natur: Für eine Städtereise ist die Lage des Hotels wichtig. In Osaka fiel mir die Wahl der Homebase leichter. Namba ist maximal zentral, Umeda praktisch für Ausflüge, Tennoji verbindet gute Anbindung mit Parks und Familienangeboten. In Tokio fühlte sich jede Entscheidung stärker nach einem Kompromiss an. Wir wohnten am Ende in Taito City und liebten das traditionellere Umfeld sowie die Nähe zu Ueno und Asakusa. Für Shibuya, Shinjuku oder andere Ziele im Westen bedeutete das aber deutlich längere Wege und Verzicht auf einige Erlebnisse, für die trotz vier Wochen Aufenthalt zu wenig Zeit blieb.

Osaka hat gefühlt einen Gang weniger

Versteh mich nicht falsch: Osaka ist keine ruhige Stadt. Wer an einem Samstagabend durch Dotonbori läuft, wird meine Aussage wahrscheinlich ziemlich absurd finden. Mit Neonreklamen, unzähligen Menschen und Strassen voller Streetfood kann Osaka genauso überwältigend sein, wie Tokio. Aber sobald wir diese Hotspots verlassen haben, veränderte sich der Rhythmus überraschend schnell. Als Familie hatte ich häufiger das Gefühl, Platz zu haben. Mit dem Velo kamen wir besser durch die Nachbarschaft. Ich denke, mit dem Kinderwagen wäre es auch so. Es ist ein offeneres Stadtgefühl und ein langsameres Tempo als in Tokio, unkompliziert und easygoing.

Natürlich kann Osaka bei der schieren Auswahl nicht mit Tokio mithalten. Tokio ist eine der grössten Metropolregionen der Welt. Wer für ikonische Sehenswürdigkeiten, besondere Concept Stores, riesige Museen, Anime-Spots oder genau dieses «Tokyo feeling» nach Japan kommt, wird dort wahrscheinlich glücklicher.

Aber als Familie braucht man nicht jeden Tag eine Sehenswürdigkeit (lies dazu auch meinen Artikel rund um FOMO und Slow Travel). Ich brauche einen guten Park, wenn mein Kind etwas überdreht ist. Ein Restaurant, in das wir spontan mit einem Kind hineinlaufen können, ohne Reservation. Und einen Plan B, für den wir nicht nochmals 45 Minuten Zug fahren und uns durch gigantische Metro-Stationen kämpfen müssen.

In Osaka entsteht schneller ein Gefühl von Miteinander

Vorweg: Ich würde niemals behaupten, dass Menschen in Osaka freundlicher sind als Menschen in Tokio. Tokio ist eine Megametropole mit fast zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern allein in den zentralen Bezirken. Dass Interaktionen dort anonymer sind, ist nicht automatisch Unfreundlichkeit. Im Gegenteil: Rücksicht wird in Tokio häufig gerade dadurch ausgedrückt, anderen Raum zu lassen.

Aber Osaka hat den Ruf, kommunikativer und direkter zu sein. Und genau so habe ich es erlebt. In Osaka kamen wir auf dem Spielplatz mit lokalen Eltern ins Gespräch. Im Restaurant entwickelte sich aus einer Bestellung plötzlich eine kurze Unterhaltung und neue Empfehlungen. Nach einigen Wochen hatten wir in unserem Quartier Orte, an denen man uns wiedererkannte.

Und genau deshalb glaube ich auch, dass Osaka von einem längeren Aufenthalt stärker profitiert als von einer klassischen Drei-Tages-Städtereise. Wer nur Dotonbori fotografiert, Osaka Castle besucht, Takoyaki isst und weiter nach Kyoto fährt, fragt sich vielleicht tatsächlich, was an Osaka so besonders sein soll.

Tokio ist die einmalige Erfahrung, Osaka ist Wiederholungstäter

Tokio ist absurd faszinierend. Es gibt wahrscheinlich wenige Orte auf der Welt, an denen man an einem einzigen Tag so viele unterschiedliche Welten erleben kann. Tempel in Asakusa am Morgen, Hochhäuser in Shinjuku am Nachmittag, Party in Shibuya am Abend – und dazwischen Erlebnis-Museen, grüne Parks, Anime, noch mehr Essen und Dinge, von denen man gestern noch nicht wusste, dass sie existieren. Für eine erste Japanreise würde ich Tokio deshalb auch überhaupt nicht aus der Route streichen: mehr ikonische Sehenswürdigkeiten, mehr bekannte Fotospots, mehr Dinge, die einfach «Japan Bucket List» sind. Wenn ich aber mehrere Tage oder Wochen mit meiner Familie in einer japanischen Grossstadt verbringen möchte, morgens entspannt in die Bäckerei laufen, nachmittags spontan einen Ausflug machen und abends ohne grossen Plan essen gehen will? Dann nehme ich Osaka.

Zusammengefasst: Tokio gab mir häufiger das Gefühl, etwas erleben zu müssen. Osaka gab mir mehr Raum, einfach dort zu sein. Bonus-Vorteill: Von hier beginnt erst der Rest von Kansai. Kyoto, Nara, Kobe und Himeji sind in rund einer Stunde (oder weniger) per Bahn erreichbar – und dahinter liegt ein Japan, das noch so viel mehr bietet. Orte wie Setouchi sind die neuen Trendziele Japans und zeigen nochmal ein ganz anderes Leben, als das in den grossen Metropolen. Auch ich habe erst einen Bruchteil Japans gesehen. Vielleicht gefällt mir Osaka deshalb so gut: Es fühlt sich mehr wie der Ort an, von dem aus man anfängt, Japan wirklich kennenzulernen.

Larissa Laudadio

Meine ideale Vacation ist die Beachcation. Am glücklichsten bin ich am Wasser, und für mycation erkunde ich die schönsten Meeresdestinationen der Welt.