Skip to main content

Eines gleich vorneweg: Wir haben die Polarlichter nicht gesehen. Es war fast die ganze Zeit bewölkt – und am einzigen Abend unter dem Sternenhimmel hatte die Sonne offenbar keine Lust, ihre energiegeladenen Windteilchen gen Erde zu schicken. Warum wir trotzdem hoffnungsvoll in der kalten Dunkelheit im Schnee standen und nach oben blickten, erzähle ich euch später. Doch erst von vorn: Denn Lappland ist auf jeden Fall auch ohne das grosse Highlight eine Reise wert.

mycation Contributor Nadine reiste nach Lappland.

Gemeinsam mit meiner Schwester Eveline und unserer Freundin Carole trat ich den Trip in den Norden Finnlands an. Die Anreise dünkte uns einfach: ein Direktflug von Zürich nach Kittilä. Etwas mehr als drei Stunden Flugzeit. Easy. Etwas weniger easy war der Umstand, dass der Pilot kurz vor der Landung das Flugzeug durchstartete. Volle Kraft ging es zurück nach oben. Er habe wegen des dichten Nebels die Landebahn nicht sehen können, lautete seine Erklärung, die nicht half, das Grummeln im Magen loszuwerden. Er wage noch einen Versuch, sollte er wieder misslingen, würden wir nach Oulu ausweichen. Der zweite Landeanflug glückte, der Pilot setzte die Maschine überraschend sanft auf die Piste in Kittilä – ich konnte seine Probleme verstehen, ich selbst sah die Landebahn von meinem Fensterplatz aus erst kurz vor dem Aufsetzen. Applaus für den Helden des Tages.

Ein Shuttlebus, den wir im Vorfeld gebucht hatten, brachte uns zu unserem ersten Hotel, dem Ylläs Humina in Äkäslompolo. Welch schöne Überraschung. Ein urgemütliches Resort erwartete uns, kleine Häuschen aus rotem Holz standen in der weissen Landschaft verteilt, direkt angrenzend an einen gefrorenen See. Eines davon war unseres – eine kleine Wohnung mit Stube, Küche, Kaminofen und eigener Sauna. Es roch nach Holz und Rauch und wir fühlten uns sofort wohl. Eine öffentliche Sauna und ein Whirlpool befanden sich mitten im Dörfchen.

Langlaufen für Anfänger und kulinarischer Reality-Check

Das Wetter dagegen machte wenig Lust: Der Himmel war wolkenverhangen, immer wieder schneite es. Unsere geplante Husky-Tour wurde um einen Tag verschoben und so beschlossen wir, uns dem zu widmen, was die Menschen hier oben üblicherweise in ihrer Freizeit tun: dem Langlaufen. Als Schweizer Alpin-Skifahrerinnen für uns ein Novum. Die Ausrüstung konnten wir bequem im Hotel mieten. Den Skilehrer nicht, der war ausgebucht. Also mussten wir es selbst versuchen. Wir entschieden uns für Skatingskis – eine gute Wahl, es fühlte sich etwa so an, als wenn man beim Skifahren einen kleinen Hügel hinauf stägele muss. Wir schafften es ohne grösseren Verletzungen etwa zwei Kilometer weit zu einer Waldhütte namens Navettagalleria. Noch eine tolle Überraschung: Uns erwarteten warme Getränke, süsses Gebäck oder herzhafte Wähen mit Rentierfleisch.

Mitten im Wald, direkt an der Loipe, liegt das kleine Gasthaus «Navettagalleria» – perfekt für eine Stärkung.

Das bringt mich zu einem Exkurs: Rentiere werden hier nicht nur gestreichelt, sondern vor allem gegessen. Geräuchert, gepökelt, geschnetzelt, als Trockenfleisch oder Salami – das Wild ist die absolute Spezialität Lapplands. Abgesehen von Fisch natürlich.

Rentiere sind ein Klassiker auf finnischen Speisekarten.

Zurück zum Nationalsport. Die Tannenwälder Lapplands sehen alle gleich aus und wir mussten uns den Weg gut merken – sonst hätten wir uns ziemlich verfahren. Wir waren Anfänger ohne Kondition und ein unfreiwilliger Umweg hätte viele zusätzliche Kilometer bedeutet.

In Lappland gibt es hunderte Kilometer Langlaufloipen.

Ein kleiner Kontrollverlust

Am nächsten Tag ging es dann endlich auf die lang ersehnte Husky-Tour. Über achtzig Hunde zerrten jaulend und bellend an den Seilen. Sie waren bereits vor die Schlitten gespannt und konnten es kaum erwarten, endlich loszurennen. Für uns Touristen gab es erst einen Schnellkurs, wie der Schlitten zu steuern sei – und vor allem, wie man die rasenden Tiere zum Stillstand bringen konnte. Mit dem Schlitten, gezogen von fünf bis sechs Huskies, ging es durch die verschneite Landschaft. Ein unvergessliches Erlebnis. Dass mir zum Schluss die Hunde samt Schlitten davonrannten, lassen wir besser unerwähnt. Dafür durften wir die Tiere noch aus ihrem Geschirr befreien und zünftig knuddeln, bevor wir uns mit einem heissen Berrytee am Feuer aufwärmen konnten.

Am nächsten Tag hiess es für uns: Hotel wechseln. Wir erlebten auch einen Kulturwechsel – aus dem alten, gemütlichen Hexenhäuschen wurde ein modernes Tinyhaus mit allem Komfort. Das Jankä Resort in Äkäslompolo wurde erst wenige Monate zuvor eröffnet und bot eine moderne Küche, hohe, offene Räume, eine Galerie mit riesigem Bett und Blick in den Himmel. Dazu eine topmoderne Sauna und einen eigenen Whirlpool auf der Terrasse. Ah, und eine WC-Sitzheizung! Wir fühlten uns wie im Paradies.

Zum ersten Mal war an diesem Tag auch das Wetter hervorragend, die Sonne lachte vom Himmel und wir wähnten uns in selbigem: Endlich die Chance, die Nordlichter zu sehen. Zunächst besuchten wir aber die Rentierfarm des Hotels. Unser Guide, Ellina, drückte uns Rentierflechten in die Hand – damit sollten wir die Tiere füttern. Wir trafen auf eine ganze Herde, junge, alte Tiere, einige trugen noch ihr Geweih, andere hatten es bereits abgeworfen. Es waren alles männliche Arbeitstiere, die hauptsächlich für Schlittentouren eingespannt werden. Die Rentiere waren markiert mit einem Chip im Ohr – zudem wurde ihnen ein Ohr kupiert. Im Sommer leben die Rentiere frei in den Wäldern, so werden sie den Besitzern zugeordnet. Die Rentiere entpuppten sich als zahm, einige kamen neugierig näher, streckten ihre Nase nach dem Futter aus. Andere machten lieber einen grossen Bogen um die Besucher. Ein Jungtier, erst zehn Monate alt, folgte mir auf Schritt und Tritt und schob seine weiche Nase in meine Hand. Leider hatte es schon alle Flechten aufgefressen.

Die grosse Hoffnung auf Polarlichter

Endlich etwas Zeit für Entspannung. Voller Freude stürzten wir uns in unseren eigenen Whirlpool, genossen die Massagedüsen auf dem Rücken, naschten ein paar Chips und liessen uns von der Sauna zum Schwitzen bringen. Wir wussten, dieser Abend war unsere einzige Chance, die Nordlichter zu sehen. Wir wollten unser Tinyhaus auf keinen Fall verlassen, so bestellten wir uns das Znacht dorthin. Wir sassen da im Dunkeln, starrten aus dem Fenster und alle paar Minuten fotografierten wir mit Langzeitbelichtung den Himmel. Von allen Seiten zogen die Wolken auf, nur unser Häuschen stand unter einem Loch, die Sterne leuchteten hell auf uns herab. Es wurde dunkler und dunkler, der Himmel blieb schwarz. Die Chancen, in dieser Nacht Polarlichter zu sehen, standen schlecht, das wussten wir dank unserer Aurora-App. Trotzdem wollten wir es versuchen. Wir zogen uns warm an und gingen raus, im Wissen: Nicht alle Polarlichter sind mit blossem Auge zu sehen, manche entdeckt man erst auf der Kamera. So setzten wir auf die Langzeitbelichtung unserer Nikon D750 mit Fernauslöser. Nichts. Wir brachen die Übung ab. Als wir eine Stunde später in den Himmel schauten, waren die Sterne verschwunden, die Wolken waren über uns hinweg gezogen und wir wussten, auch an diesem Tag würden wir keine Nordlichter sehen.

Das magische Snow Village

An unserem letzten Tag in Lappland, es war wieder überwiegend bewölkt, besuchten wir das Snow Village in Ylläs. Wir erwarteten ein in den Schnee gebautes Hotel. Allerdings befand sich in diesem riesigen, von aussen unscheinbaren Iglu, eine Wunderwelt. Eine Kunstgalerie mit Skulpturen aus Schnee und Eis, getaucht in bunte Lichter, mit Musik untermalt. Es muss unzählige Stunden gekostet haben, all diese Schätze zu zaubern, Winterwelten aus allen Teilen der Erde. Kürbisse, ein Samichlaus, die Totenmasken des Dia de los Muertos und sogar eine deutsche Bierbrauerei. Natürlich liessen wir es uns nicht nehmen, die vereiste Rutschbahn hinunterzusausen. Stärken konnten wir uns danach im Café bei einer heissen Schoggi und einem Stück Apfelkuchen.

Alles in allem hatte der Norden Finnlands wahnsinnig viel zu bieten: freundliche Menschen (die übrigens alle hervorragend Englisch sprachen), leckeres Essen (hin und wieder gab es auch Poulet oder Rindfleisch), eine spannende Tierwelt, eine fantastische Landschaft (vor allem im Sonnenschein beeindruckend), viel unberührte Natur und Gemütlichkeit. Die wenigen Tage hier haben mich entschleunigt und geerdet. Wir werden die Polarlichter in unserem Leben noch sehen. Irgendwann. Nicht in Lappland. Trotzdem kann ich die Reise hierhin nur wärmstens empfehlen.

Wanderungen, Schnitzeljagd, Wasserschlachten & Day Raves Dahin reist unsere Redaktion an Ostern

Dahin reist unsere Redaktion an Ostern

Larissa LaudadioLarissa Laudadio25. März 2026