Als ich in Kapstadt ankam, war mein naives Ich davon überzeugt, dass das die coolste Stadt der Welt sein muss. Ich hatte die Bilder im Kopf, mit dem Table Mountain und den vielen Häusern, hab davon geträumt, wie malerisch die Sonne über dem Meer untergeht … Mittlerweile bin ich überzeugt, dass alle Influencer den Zeitraum der Golden Hour nutzen, um Content zu machen, und damit die «hässlichen» Seiten mit sunkissed Filter verstecken. Ich weiss, das polarisiert jetzt, aber: Kapstadt ist eine der hässlichsten Städte, die ich besucht habe. Trotzdem würde ich eine Reise dorthin jederzeit wieder antreten und auch empfehlen. Klingt widersprüchlich? Let me explain.

Kapstadts düstere Geschichte ist noch immer Teil der Gegenwart
Kapstadt war durch die perfekte Lage für Seefahrer:innen das Zentrum des Sklavenhandels. Obwohl 1834 die Sklaverei von den Briten, die Kapstadt kolonialisierten, abgeschafft wurde, war die Stadt (und eigentlich ganz Südafrika) geprägt von rassistischen Hierarchien. 1948 bis 1994 war Kapstadt von Apartheid bestimmt. Schwarze Bürger:innen wurden in Townships umgesiedelt, District Six etwa wurde zwangsgeräumt. Bis heute hält sich dieses demografische Bild: Küstensiedlungen sind von reichen Häusern gezäumt, im Inneren der Stadt herrscht Armut. Ähnlich sieht es auch in anderen Städten Südafrikas aus. Wer Johannesburg von oben sieht, erkennt die kilometerweiten Townships von oben.
Seit 1994 (Das ist einfach gerade mal 32 Jahre her!) wird Südafrika demokratisch regiert. Und trotzdem herrscht eine hohe Arbeitslosenquote, die Menschen leben zu grossen Teilen noch immer in Townships und die Perspektive auf ein besseres Leben fehlt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist gigantisch.

Kennt ihr diese Videos, die damit anfangen, dass Tourist:innen heulend erzählen, dass sie im Auto ausgeraubt wurden? Nur weil es arme Stadtteile gibt, finde ich Kapstadt also nicht schön? Nein, so würde ich das nicht zusammenfassen. Ich finde, man sollte unbedingt auch arme Teile der Welt erleben. Es ist extrem wichtig, nicht die Augen zu verschliessen und zu verstehen, was Kolonialisierung angerichtet hat. Aber es ist ein Unterschied, in ein armes Land zu reisen, oder einen Ort zu besuchen, der beides hat: Extremes Reichtum und extreme Armut. Das zu sehen, stört mich nicht. Es stört mich aber, wenn so getan wird, als sei Kapstadt die coolste Hipster-Destination der Welt.
Bo-Kaap: Ein historischer Ort wird zur platten Insta-Bubble
Wir kennen die Bilder in Bo-Kaap zwischen bunten Häuschen. Wenn man hier entlangläuft, sieht man Tourist:innen in bunt flatternden Kleidern, die Fotos vor den Häusern machen (so wie ich!). Was man später auf den Bildern nicht sieht: Die Stimmung in der Gegend ist total merkwürdig. Erstens grenzen die schönen bunten Häuser direkt an ein Township, zweitens spaziert man hier einfach durch die Vorgärten von Menschen, die dort leben. Bo-Kaap lädt Tourist:innen nicht zum Verweilen im Café ein, es ist einfach ein Ort mit bunten Häusern, den man fotografiert und dann verlässt.

Dabei hat das Viertel eine extrem spannende Geschichte. Bo-Kaap war im 18. Jahrhundert der Ort, an dem versklavte Menschen lebten. Das waren Menschen aus Indonesien, Malaysia, Indien und Ostafrika. Deshalb verwundert es auch nicht, dass in dem Stadtteil Moscheen zu finden sind und die Einflüsse orientalisch wirken. Daraus entstand die Cape-Malay-Kultur, die bis heute prägend ist. Die Häuser wurden bunt angemalt, nachdem Sklaverei verboten wurde, und sind ein Zeichen für Individualität, die den Menschen neu zustand.
Up to the Mountain: Tafelberg mit 2000 anderen Nasen geniessen
Ich wäre wahnsinnig gerne den Tafelberg hochgewandert, viele warnen aber davor, da es zwischen den Hügeln schon zu Raub mit Todesfolge kam. Während ich also überlegt habe, ob die nächste Mord auf Ex-Folge von mir handeln könnte, entschieden wir uns also für die safe Variante. Disclaimer: Man kann hochwandern und viele Tourist:innen machen das. Man muss sich einfach eines gewissen Risikos bewusst sein. Man kann aber, so wie ich, mit der Seilbahn hochfahren. In der Hauptsaison kostet so ein Ticket gerne mal 25 Franken.

Ich für meinen Teil fand den Ausblick auf die Natur sensationell. Als sich dann auch noch eine dicke Nebelwand zwischen den Felsen hindurchschob, war die Stimmung absolut magisch. Gestört wurde sie nur von den betrunkenen Tourist:innen. Einsam ist man on top of the mountain nie: Im Schnitt kommen 2’000 Besucher:innen am Tag hier hoch. Zur Hauptsaison gerne mehr.
Fancy Stadtteile und überteuerte Cafés
Ich bin per Definition eine Basic Bitch und immer für Street-Food, süsse Cafés oder Matcha zu begeistern. Aber die Tatsache, dass Kapstadt zum Workation-Hotspot geworden ist, macht für mich nicht unbedingt die perfekte Feriendestination aus. Dank gutem WLAN, fehlender Zeitverschiebung und günstigen Workation-Orten, an denen man produktiv ist, wurde Kapstadt zur perfekten Destination für digitale Nomaden aus Europa ernannt. Denn: Hier zu leben ist so günstig, dass man keine Zwischenmiete für die Wohnung in Zürich braucht und trotzdem im Ausland sein kann. Nur, dass es eben nur dann günstig ist, wenn man aus Europa kommt.

Warum ich Kapstadt dennoch empfehlen würde
Die schönsten Ecken von «Kapstadt» liegen für mich tatsächlich ausserhalb von Kapstadt. Boulders Beach, Chapman’s Peak Drive, Stellenbosch und Franschhoek, sowie das Kap der Guten Hoffnung. Eine Reise nach Kapstadt lohnt sich, vor allem, um Kapstadt zu verlassen und die Gegend zu erkunden. Wer aus der Stadt raus fährt, muss auch weniger Angst haben, ausgeraubt zu werden.


Kapstadt hat nur zwei Seiten, wenn man Influencern glaubt: Die ausschliesslich schöne, glattgebügelte Realität, oder dramatisch inszenierte Kriminalität. Beide Extreme zeichnen ein falsches Bild und setzen falsche Erwartungen. Wer nach Kapstadt reist, um die verschiedensten Facetten der «Mother City» zu erkunden, offen für einen Blick in schreckliche Vergangenheit ist und sich bemüht, zu sehen, was hinter Vierteln wie Bo-Kaap steckt, findet hier womöglich die interessanteste Stadt der Welt.



