Ich kenne keine Rundenzeiten. Ich könnte nicht auf Anhieb sagen, wer in der Formel-1-WM führt. Genau deshalb bin ich nach Monza gefahren: Ich wollte wissen, was Hunderttausende an einem Sport finden, den ich bisher nur als Geräusch im Nebenzimmer kannte. Die Antwort beginnt, lange bevor ich die Strecke sehe. Sie beginnt am Freitagabend vor meinem Hotel in Mailand.
Mailand trägt an diesem Wochenende keine Mode
Dort stehen Horden britischer Fans auf dem Trottoir, Bierglas in der einen Hand, Handy in der anderen, und fachsimpeln so laut, dass man in der Lobby jedes Wort mitbekommt. Es geht um Reifenstrategien, um Motorenformeln, um irgendeine Szene aus dem dritten Training, die offenbar von historischer Bedeutung ist. Ich verstehe schätzungsweise jedes vierte Wort und bleibe trotzdem stehen, weil die Begeisterung ansteckender ist als das Thema.
Mailand, sonst die Stadt der Schaufenster, der Models und der Modewochen, ist an diesem Wochenende komplett umgezogen. Keine Laufsteg-Silhouetten, sondern Teamshirts. Keine Sonnenbrillen mit Logo, sondern Caps mit Startnummern. Junge Britinnen in Hot Pants, weil das Thermometer mitspielt – über dreissig Grad, Anfang September, die Stadt flimmert. Wer hier in Hemd und Chinos steht, fällt auf. Ich stehe in Hemd und Chinos.
Und dann, in der Hotelhalle, steht eine Carrera-Bahn. Ein richtiger Aufbau mit Kurven, Bande und Rundenzähler. Was dort passiert, ist der Moment, in dem ich zum ersten Mal etwas begreife: Erwachsene Männer, Mitte vierzig, Anzughose, knien auf dem Teppich und diskutieren mit hochrotem Kopf über die richtige Bremsschwelle vor der ersten Kurve. Niemand findet das peinlich. Niemand entschuldigt sich dafür.

In der Fan Zone von Monza
Am nächsten Tag bin ich im Königlichen Park von Monza, der an diesem ersten Septemberwochenende eine Stadt auf Zeit ist. Ich gehe viel zu Fuss, durch Baumalleen, vorbei an Verpflegungsständen und Bildschirmen, und höre die Autos, lange bevor ich sie sehe. In der Fan Zone merke ich schnell, dass hier längst nicht nur Menschen unterwegs sind, die jede Rundenzeit, jeden Reifenwechsel und jede WM-Konstellation auswendig kennen. Das beruhigt mich. Ich komme mit einer Britin ins Gespräch, die gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern angereist ist. Sie selbst ist der eigentliche Formel-1-Fan der Familie. Und der Rest? Der hat längst seine ganz eigenen Gründe gefunden, warum ein Wochenende in Monza Spass macht.
Die Kinder zieht es zu den Games und Challenges. Einmal selbst ausprobieren, wie schnell man bei einem Boxenstopp ein Rad wechseln kann. Bei der Pit Stop Challenge gegen andere antreten. Schauen, wer schneller ist. Noch einmal versuchen. Plötzlich wird aus dem Motorsport, den man sonst auf dem Bildschirm verfolgt, etwas, das man selbst ausprobieren kann – mit Schlagschrauber in der Hand und einer Zeit auf der Anzeigetafel, über die auf der Heimfahrt noch gestritten wird.
Ihr Mann? Der geniesst das Drumherum genauso. Und natürlich spielt auch das Essen eine Rolle. Burger, Nachos und Snacks gehören zur Fan Zone ebenso wie die unzähligen Fan Shops. Ferrari-Rot dominiert zwar, doch dazwischen finden sich die Farben praktisch aller Teams – und ein Kind, das sich für die falsche Mütze entscheidet, hat für den Rest des Tages Gesprächsstoff.
Die Kinder entdecken ständig etwas Neues, die Eltern können das Renngeschehen verfolgen – und aus einem Formel-1-Besuch wird ein Familienausflug. Ich notiere mir: Der erste Grund ist gar nicht der Sport. Der erste Grund ist, gemeinsam irgendwo zu sein.

Ein jährliches Familien-Ritual
Ein paar Meter weiter lerne ich einen rund 30-jährigen Italo-Schweizer kennen. Für ihn bedeutet Monza noch etwas anderes. Heimat. Seit Jahren kommt er gemeinsam mit seinem Vater hierher. Formel 1 findet er spannend, erzählt er mir, aber seine Begeisterung beschränkt sich keineswegs auf die Königsklasse. Er schaut sich genauso gerne die anderen Fahrzeuge und Rennserien an. Und davon gibt es an diesem Wochenende reichlich. Für Vater und Sohn ist Monza längst zu einer Tradition geworden. Gemeinsam nach Italien fahren, Motorsport erleben, die Atmosphäre geniessen – und ein Stück Heimat mitnehmen. Es ist einer dieser Termine, die im Kalender stehen, bevor irgendjemand fragt, ob man kann. Ich kenne solche Termine. Bei mir heissen sie nur anders.
Vielleicht erzählen diese beiden Begegnungen besser als jede Statistik, warum Monza funktioniert. Die einen kommen wegen der Formel 1. Die anderen wegen der Familie. Wieder andere wegen Ferrari, der Atmosphäre, der Geschwindigkeit – oder weil sie seit Jahren gemeinsam mit ihrem Vater hierherfahren. Und meistens ist es am Ende eine Mischung aus allem.

Hier fährt ja nicht nur die Formel 1
Genau der Italo-Schweizer bringt mich auf einen Punkt, den man beim ersten Formel-1-Besuch leicht unterschätzt: Die Formel 1 ist zwar der Headliner – aber sie ist längst nicht die einzige Show. Auf der Strecke passiert während des Wochenendes fast ständig etwas. 2026 fahren neben der Formel 1 auch die Formel 2, die Formel 3 und der Porsche Mobil 1 Supercup in Monza. Dazu kommen Demonstrationsfahrten historischer Formel-1-Fahrzeuge, verteilt über alle drei Tage.
Gerade Formel 2 und Formel 3 machen Spass, wenn man ein wenig genauer hinschaut. Hier sitzen junge Fahrer im Cockpit, von denen einige vielleicht wenige Jahre später selbst in der Formel 1 antreten werden. Und beim Porsche Supercup stehen nahezu identische Porsche 911 GT3 Cup am Start – gleiches Auto, gleiche Reifen. Wer vorne ist, ist es wegen der Person am Lenkrad. Das verstehe sogar ich auf Anhieb.
Damit verschiebt sich auch mein Blick auf das Wochenende. Ich warte nicht einfach auf die Formel 1. Ich schaue Rennen. Unterschiedliche Autos, unterschiedliche Fahrer, unterschiedliche Sounds – aber immer dieselbe Strecke. Und plötzlich verstehe ich noch besser, was mein Italo-Schweizer meint: Man kann wegen der Formel 1 nach Monza kommen – und feststellen, dass einen die anderen Rennserien genauso faszinieren.
Praktische Tipps fürs Wochenende in Monza
- Freitag mitnehmen. Der Freitag ist der günstigste und entspannteste Tag – Trainings, Qualifyings der Nachwuchsserien, wenig Gedränge. Wer nur den Sonntag bucht, verpasst das halbe Wochenende.
- Zu Fuss denken. Der Autodromo liegt im Königlichen Park, die Wege sind lang und meist unbefestigt. Feste Schuhe, Sonnenschutz, Wasserflasche zum Nachfüllen – Anfang September kann es über dreissig Grad haben.
- Gehörschutz. Für Kinder ein Muss, für Erwachsene eine Wohltat. Ohrstöpsel gibt es vor Ort, aber teurer.
- Anreise. Am einfachsten mit Bahn und Shuttle ab Mailand – rund um die Strecke wird der Verkehr am Rennsonntag zur Geduldsprobe.
- Hotel in Mailand buchen. Nicht nur wegen der Auswahl: Das halbe Rennwochenende findet in den Lobbys und auf den Trottoirs der Stadt statt.
- Zeit einplanen für das Drumherum. Fan Zone, Fan Shops, Demonstrationsfahrten: Wer erst kurz vor dem Rennen eintrifft, sieht das Rennen – aber nicht Monza.
Der erste italienische Sieg seit 60 Jahren
Dass Monza mich am Ende trotzdem noch überrascht, hat mit dem Rennen selbst zu tun. Am 6. September gewinnt hier Andrea Kimi Antonelli – 20 Jahre alt, aufgewachsen bei Bologna, gestartet von Startplatz 19. Der erste Italiener, der den Grossen Preis von Italien in Monza gewinnt, seit Ludovico Scarfiotti 1966. Sechzig Jahre.
Das Verblüffende daran: Er fährt keinen roten Wagen, sondern einen Mercedes. Und der ganze Park, diese rote Wand aus Tifosi, die seit Generationen nur für eine Marke kommt, jubelt trotzdem, als wäre eine Familienangelegenheit geregelt worden. Weil es eben nicht nur um das Auto geht. Es geht um den Menschen darin. Ich stehe mittendrin, verstehe die Hälfte der Kommentare nicht und habe trotzdem eine Gänsehaut. Das ist, glaube ich, der Moment, in dem ein Nicht-Fan aufhört, Zuschauer des Publikums zu sein.
Mein Fazit zum Rennwochenende
Am Abend fahre ich zurück Richtung Mailand, in den Ohren dieses Rauschen, das nach einem Rennwochenende noch stundenlang bleibt, und mit der Erkenntnis, dass ich kaum über Rundenzeiten gesprochen habe. Ich war losgefahren, um zu verstehen, was diesen Fandom ausmacht. Ich habe nicht gefunden, was ich erwartet hatte – keine Statistikgläubigen, keine Technikexegese, jedenfalls nicht in erster Linie. Was ich gefunden habe, ist etwas Einfacheres: Ein Fandom ist eine Verabredung. Er gibt einem einen Grund, jedes Jahr am selben Ort dieselben Menschen zu treffen. Er gibt Vätern und Söhnen ein Thema, das über Jahrzehnte trägt. Und er gibt Erwachsenen die Erlaubnis, in einer Hotelhalle auf dem Teppich zu knien und ein Spielzeugauto um eine Kurve zu zwingen, ohne sich zu schämen.
Monza ist keine Veranstaltung, die man konsumiert. Es ist ein Ort, an dem sehr viele Menschen mit sehr unterschiedlichen Motiven zwei Tage lang dasselbe tun – und sich darüber einig sind, dass es sich lohnt. Man muss die Formel 1 nicht lieben, um das zu mögen. Man muss nur bereit sein, mit den Leuten neben sich zu reden.
Und wer sich fragt, ob sich die Reise auch ohne grosses Motorsportwissen lohnt: Die Kinder an der Pit Stop Challenge hatten davon auch keins. Ich übrigens auch nicht. Wir hatten trotzdem den besten Tag des Sommers.




