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Wer in der Deutschschweiz an Freizeitparks denkt, denkt meist zuerst an den Europa-Park. An Silver Star, Wodan, Blue Fire oder Arthur. Für viele Familien gehört Rust fast schon zum jährlichen Pflichtprogramm. Drei Stunden Autofahrt, eine Übernachtung, ein paar Achterbahnen, fertig. Doch rund tausend Kilometer weiter südwestlich wartet eine Alternative, die erstaunlich wenige Schweizer auf dem Radar haben. Statt ins Auto Richtung Europapark Rust zu steigen, sitze ich also an diesem Morgen im Flugzeug nach Barcelona.

Nach der Landung in Barcelona steige ich in den Bus Richtung Costa Daurada. Vor dem Fenster ziehen Industriegebiete, Vororte, Palmen und schliesslich das Mittelmeer vorbei. Die Landschaft wird zunehmend mediterran. Pinien, Ferienanlagen, Campingplätze und Strandpromenaden kündigen an, dass hier Ferien anders aussehen als am Oberrhein. Mein Ziel liegt zwischen Salou und Vila-seca: PortAventura. Ein Freizeitpark, der Jahr für Jahr Millionen Besucher anzieht und dessen Existenz einer Niederlage zu verdanken ist. Denn dieser Ort wurde gebaut, weil Disney nicht nach Spanien kam.

Die Geschichte einer verpassten Chance

In den 1980er-Jahren suchte Disney einen Standort für seinen ersten europäischen Freizeitpark. Spanien gehörte zu den aussichtsreichsten Kandidaten. Das Klima, die touristische Infrastruktur und die Nähe zu Millionen europäischer Feriengäste sprachen für Katalonien. Am Ende fiel die Wahl bekanntlich auf Paris. Für Spanien war dies zunächst eine Enttäuschung. Doch manchmal entstehen die interessantesten Geschichten gerade aus den Projekten, die nie verwirklicht werden. Anstatt eine europäische Kopie eines amerikanischen Konzepts zu bauen, entschied man sich für etwas Eigenständiges. 1995 öffnete PortAventura seine Tore.

Heute gehört der Park zu den erfolgreichsten Freizeitdestinationen Europas. Und wenn man durch die Anlage spaziert, stellt sich irgendwann die Frage: Was wäre eigentlich passiert, wenn Disney damals Ja gesagt hätte? Vielleicht gäbe es PortAventura gar nicht. Und das wäre tatsächlich schade.

mycation Contributor Stephan testete PortAventura in Barcelona.

Eine Reise um die Welt – ohne Anspruch auf geografische Korrektheit

Wer den Park betritt, landet zunächst in Mediterrània. Kleine Häuser mit pastellfarbenen Fassaden säumen einen künstlichen Hafen. Fischerboote liegen am Kai. Restaurants und Cafés laden zum Verweilen ein. Alles wirkt wie die idealisierte Version eines mediterranen Küstenortes.

Und genau darin liegt das Prinzip des gesamten Parks. PortAventura versucht nicht, die Welt exakt abzubilden. Der Park erzählt Geschichten. Er inszeniert die Bilder, die wir im Kopf haben, wenn wir von fernen Orten träumen. Besonders deutlich wird dieses Konzept bei Tutuki Splash. Mitten in Polynesia erhebt sich ein künstlicher Vulkan. Wasserfälle rauschen über schwarze Felsen. Tropische Pflanzen wachsen entlang der Wege. Natürlich hat diese Kulisse geografisch ungefähr so viel mit der Realität zu tun wie ein Alphornspieler mit einem hawaiianischen Surfbrett.

In China stehen die Pagoden neben den schneebedeckten Legenden des Himalayas. In México begegnen Besucher Maya-Pyramiden und Abenteurern. Far West verdichtet den gesamten amerikanischen Westen auf wenige Hektaren. Historiker würden vermutlich regelmässig die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Besucher hingegen haben Spass. Und darum geht es. PortAventura will keine Geografiestunde sein. Der Park will Abenteuer erzeugen. Wenn das Boot nach dem letzten Lift plötzlich in die Tiefe stürzt und eine gewaltige Wasserfontäne über Zuschauer und Fahrgäste hinwegschiesst, denkt niemand mehr über vulkanische Inselketten nach. Man schreit. Man lacht. Man wird richtig nass. Mission erfüllt.

Der Europa-Park am Mittelmeer?

Während ich durch die chinesische Themenwelt schlendere, höre ich Englisch, Französisch, Niederländisch, Spanisch und Deutsch. Vor mir diskutieren zwei britische Teenager über die beste Achterbahn Europas. „Silver Star ist grossartig“, sagt Oliver aus Manchester. „Aber Shambhala hat die bessere Airtime.“ Sein Freund widerspricht nicht. Ein paar Schritte weiter fotografiert eine Familie aus Lyon ihre Kinder vor Dragon Khan. Auf einer Terrasse sitzt ein älteres Ehepaar aus Rotterdam bei einem Kaffee. Neben mir studiert eine Schweizer Familie den Parkplan und versucht herauszufinden, wie man möglichst viele Attraktionen schafft, ohne stundenlang anzustehen – der Express-Pass könnte hier helfen. PortAventura ist längst ein europäischer Treffpunkt geworden. Und genau darin liegt ein Teil seines Charmes.

In PortAventura tifft sich ganz Europa, um in neue Abenteuer einzutauchen.

Shambhala: Die Schwester von Silver Star

Wer, wie ich, Achterbahnen liebt, kommt an Shambhala nicht vorbei. Die Bahn wurde vom Schweizer Hersteller Bolliger & Mabillard gebaut. Achterbahn-Enthusiasten kennen den Namen bestens. Das Unternehmen aus Monthey hat einige der berühmtesten Achterbahnen der Welt entwickelt. Auch Silver Star im Europa-Park stammt aus derselben Schmiede. Die Verwandtschaft ist unverkennbar. Beide Bahnen gehören zur Kategorie der Hyper Coaster. Beide setzen auf enorme Höhe, hohe Geschwindigkeiten und das berühmte Gefühl der Schwerelosigkeit.

Doch Shambhala geht ihren eigenen Weg. Während Silver Star vor allem durch ihren monumentalen ersten Drop beeindruckt, reiht Shambhala eine Serie gewaltiger Airtime-Hügel aneinander. Immer wieder hebt man aus dem Sitz ab. Immer wieder scheint die Schwerkraft kurz auszusetzen. Als der Zug den höchsten Punkt erreicht, öffnet sich für einen Augenblick der Blick bis hinaus zum Mittelmeer. Dann folgt der Sturzflug. Wenige Sekunden später verstehe ich, weshalb Oliver aus Manchester so begeistert war.

Shambala ist der Hyper Coaster in PortAventura.

Dragon Khan: Die Legende des Parks

Lange bevor Shambhala gebaut wurde, gab es Dragon Khan. Als die Achterbahn 1995 eröffnete, galt sie mit acht Inversionen als Weltrekordhalterin. Für eine ganze Generation europäischer Achterbahn-Fans war Dragon Khan das, was heute vielleicht Voltron im Europa-Park oder Toutatis im Parc Astérix ist: eine Attraktion, über die man sprach.

Während viele moderne Bahnen auf Beschleunigung und Multimedia setzen, lebt Dragon Khan von ihrer klassischen Intensität. Man fährt sie nicht wegen Spezialeffekten. Man fährt sie, obwohl sie rüttelt. Man fährt sie, weil sie Dragon Khan ist. Die verschlungene Stahlkonstruktion prägt die Skyline des Parks bis heute. Loopings, Schrauben und Richtungswechsel folgen in rascher Abfolge.

Dragon Khan und Shambala prägen die Skyline des Freizeitparks.

Stampida: Spaniens Antwort auf Wodan

Wer Wodan im Europa-Park mag, wird auch Stampida lieben. Die klassische Holzachterbahn verzichtet auf Bildschirme, Spezialeffekte und digitale Spielereien. Hier regieren Holz, Stahl, Geschwindigkeit und Schwerkraft.

Das Besondere: Stampida besteht aus zwei nahezu identischen Strecken. Ein roter und ein blauer Zug verlassen die Station gleichzeitig und liefern sich während der gesamten Fahrt ein scheinbares Duell. Mal liegt der rote Zug vorne. Dann zieht plötzlich der blaue vorbei. Die Strecken kreuzen sich mehrfach, rasen aneinander vorbei und erzeugen immer wieder die Illusion eines Kopf-an-Kopf-Rennens. Neben mir sitzt ein pensionierter Niederländer, den ich kurz vor der Fahrt kennengelernt habe. „Meine Enkel wollten Shambhala fahren“, erzählt er. „Ich wollte Stampida.“

Nach der Fahrt steigt der Niederländer mit einem breiten Grinsen aus. „Nicht bequem“, sagt er lachend. „Aber genau deshalb macht sie Spass.“ Man versteht sofort, was er meint. Stampida rattert, schüttelt und arbeitet. Sie fühlt sich nicht wie eine perfekt berechnete Maschine an, sondern wie ein Stück Achterbahngeschichte.

Uncharted: Die grösste Überraschung des Parks

Die grösste Überraschung meines Besuchs ist jedoch keine Achterbahn. Es ist Uncharted. Basierend auf der erfolgreichen Videospielreihe entstand hier eine der modernsten Dark Rides Europas.

Vor mir wartet eine Familie aus Buenos Aires. „Eigentlich sind wir wegen Ferrari Land gekommen“, erzählt der Vater. „Aber alle haben uns gesagt, wir müssen unbedingt Uncharted fahren.“ Nach der Fahrt treffe ich die Familie zufällig wieder am Ausgang. Der Vater lacht. „Jetzt verstehe ich warum.“ Mehr möchte ich über die Attraktion eigentlich nicht verraten. Ein Teil des Vergnügens besteht darin, möglichst wenig zu wissen. Nur so viel: Wer glaubt, moderne Freizeitparks hätten im Bereich Indoor-Attraktionen nichts Neues mehr zu bieten, sollte Uncharted ausprobieren. Für mich gehört die Attraktion heute zu den besten Dark Rides Europas.

Ferrari, Geschwindigkeit und italienische Emotionen

Seit 2017 gehört auch Ferrari Land zum Resort. Die Hauptattraktion ist Red Force. Innerhalb weniger Sekunden beschleunigt die Achterbahn ihre Fahrgäste auf Geschwindigkeiten, die eher an einen Formel-1-Start erinnern als an einen Freizeitpark. Der gewaltige rote Top-Hat-Turm ist bereits von weitem sichtbar. Selbst Besucher, die nicht einsteigen möchten, bleiben stehen und verfolgen fasziniert die Starts der Züge.

Der grösste Unterschied zu Rust?

Der vielleicht grösste Unterschied zum Europa-Park liegt nicht in den Attraktionen. Sondern in der Umgebung. Während man in Rust abends meist ins Hotel zurückkehrt, warten rund um PortAventura Strände, Tapas-Bars, Strandpromenaden und das mediterrane Lebensgefühl Kataloniens. Morgens schwimmen viele Besucher im Meer. Nachmittags sitzen sie in einer Achterbahn. Abends geniessen sie Paella oder gegrillten Fisch auf einer Terrasse in Salou. Diese Kombination aus Freizeitpark und klassischen Badeferien findet man in Europa nur selten.

Als ich am Abend durch Mediterrània Richtung Ausgang schlendere, sitzen Familien noch am Wasser. Kinder schlecken Eis, während sich die Fassaden im künstlichen Hafenbecken spiegeln. Neben mir diskutiert eine Familie aus Lyon über den nächsten Ferientag. Die Eltern möchten an den Strand. Die Kinder wollen nochmals Achterbahn fahren. Die Verhandlungen dauern erstaunlich lange. Schliesslich sagt der jüngere Sohn: „Dann gehen wir morgens an den Strand und nachmittags wieder hierher.“ Seine Eltern lachen. Offenbar hat er einen Kompromiss gefunden. Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis von PortAventura: Es ist kein reiner Freizeitpark und kein reines Ferienresort. Es ist beides zugleich.

Vor mehr als dreissig Jahren verlor Katalonien den Kampf um Disneyland. Heute kommen jedes Jahr Millionen Menschen hierher. Nicht wegen Mickey Mouse. Sondern wegen PortAventura. Und vielleicht ist das die grössere Erfolgsgeschichte.

Stephan Lendi

Stephan liebt Menschen – und ihre Geschichten. Seine Leidenschaft für Sprache und Reisen verbindet er für mycation auf ganz eigene Weise: Er hört zu, fragt nach – und nimmt dich mit auf die Reise hinter die Kulissen.

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