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«Ich fliege morgen Abend nach Buenos Aires. Kommst du mit?» Es ist Donnerstag, kurz nach acht, ich stehe mit dem Telefon am Ohr in der Küche und suche nach einem vernünftigen Grund, Nein zu sagen. Mir fällt keiner ein. Mein Freund fliegt seit zwanzig Jahren Langstrecke, wir kennen uns aus einer Zeit, in der wir beide noch keine Ahnung hatten, wohin uns das Leben trägt. «Du hast 48 Stunden unten, dann geht es zurück.» Am Freitagnachmittag stehe ich in Frankfurt am Gate, mit Handgepäck, einer Handvoll Mini-Toblerone für die Crew und einem Kopf voller Fragezeichen. Es ist die kleinste Währung der Welt und die zuverlässigste: Wer mit Schokolade kommt, gehört für ein paar Stunden ein bisschen dazu.

Zuerst: Dreizehn Stunden nach Süden

Der Jumpseat im Cockpit ist der unbequemste und der beste Platz, den ein Flugzeug zu bieten hat. Man sitzt schräg hinter den beiden Piloten, hört ihnen beim Arbeiten zu und schaut auf ein Instrumentenpanel, dessen Logik man nach zwei Stunden zu erahnen glaubt und nach zehn Stunden endgültig aufgibt. Irgendwo über dem Atlantik wird es dunkel, dann wieder hell, unter uns ziehen Brasiliens Lichterinseln vorbei. Und die ganze Zeit wird geredet: über Anflugverfahren, über Kinder, über die Frage, ob man mit fünfzig noch einmal neu anfangen soll.

Irgendwann, etwa auf der Höhe von Recife, überkommt einen dieses trügerische Gefühl von Kompetenz. Man hat nun ein Dutzend Mal gehört, wie man sich beim nächsten Funkposten anmeldet, man hat gesehen, wie die beiden mit zwei kleinen Rädchen die Flughöhe und die Richtung in den Autopiloten drehen – und denkt für einen kurzen, herrlichen Moment: Das könnte ich auch. Weit gefehlt, natürlich. Was aussieht wie zwei Handgriffe, ist das Ergebnis von zwanzig Jahren, in denen jemand gelernt hat, welche zwei Handgriffe es sind. Ein Gedanke, der mir in den nächsten 48 Stunden noch mehrmals begegnen wird.

Stephan flog auf dem Jumpseat (nicht auf dem Pilotensessel) nach Buenos Aires.

Die Crew hat mir schon vor der Landung den Reiseplan diktiert. Wer regelmässig für 48 Stunden in einer Stadt landet, kennt sie besser als mancher, der dort wohnt: welche Parrilla das Fleisch wirklich über Glut und nicht über Gas gart, wo der Kellner nicht nach dem Trinkgeld schielt, in welcher Bar in Palermo man um Mitternacht noch ein Glas Wein bekommt, für das man zu Hause das Dreifache bezahlt. Notiert habe ich alles. Gebraucht habe ich am Ende etwas anderes.

Recoleta: die Tote, die niemand loslässt

Buenos Aires empfängt einen mit einer Wucht, die nichts mit Lautstärke zu tun hat. Es ist die Architektur: Boulevards wie in Paris, Kuppeln wie in Madrid, ein Verkehr wie in Neapel. Eine europäische Stadt, die jemand ans andere Ende der Welt gestellt und dort hat wachsen lassen.

Mein erster Weg führt nach Recoleta, auf den Friedhof mit den Marmorgruften. Er ist eine Stadt in der Stadt, mit Gassen, Kreuzungen und Adressen. Und er ist ehrlicher, als man erwartet: Nicht alles hier ist gepflegt. Manche Gruften sind zweistöckig, mit einer schmalen Treppe, die in ein Untergeschoss führt, in dem die Särge übereinander stehen. Bei etlichen ist die Tür nur angelehnt oder das Gitter aufgebrochen, Marmorplatten sind gesprungen, Inschriften abgeplatzt, Namen nicht mehr lesbar. Da und dort steht ein Sarg leicht offen. Man schaut kurz hin und dann rasch weg, mit diesem Gemisch aus Scham und Neugier, das man am Grab von Fremden empfindet. Der Grund ist banal und traurig zugleich: Der Unterhalt kostet, und manche Familien, die hier vor hundert Jahren ihr Vermögen in Stein gegossen haben, gibt es nicht mehr – oder sie können ihn sich schlicht nicht mehr leisten. Argentiniens Geschichte lässt sich an diesen Gruften ablesen wie an Jahresringen.

Vor einem eher unscheinbaren Familiengrab liegen frische Blumen: Eva Perón, gestorben 1952 mit 33 Jahren. Über siebzig Jahre später legt hier jeden Tag jemand Nelken hin. Man kann Evita bewundern oder für eine Populistin halten – in Argentinien tun beide Lager es bis heute mit voller Überzeugung. Was mich beschäftigt, ist etwas anderes: dass eine Gesellschaft ihre Konflikte über Generationen an einer einzigen Person festmachen kann. Als hätte man den Streit nie beendet, sondern nur vertagt.

«Cambio, cambio»: Die Inflation in Argentinien

Auf dem Weg zurück ins Zentrum höre ich es zum ersten Mal, dann alle zwanzig Meter wieder: «Cambio, cambio, cambio.» Männer und Frauen stehen an den Hauswänden der Calle Florida und rufen es halblaut in den Strom der Passanten hinein, wie andernorts Zeitungsverkäufer. Arbolitos nennt man sie hier, Bäumchen, weil sie den ganzen Tag am selben Fleck stehen und Scheine tragen.

Es ist ein Alltagsgeräusch, und es sagt alles über dieses Land: Der Peso ist die Währung, in der man bezahlt, aber nicht die, in der man rechnet. Wer Dollar oder Euro hat, besitzt etwas, das morgen noch gilt. Wer nur Pesos hat, besitzt eine Zahl, die kleiner wird, während man sie in der Tasche trägt. Der Abstand zwischen offiziellem und Strassenkurs ist inzwischen deutlich kleiner geworden – der Reflex, in harter Währung zu denken, ist geblieben. Ein Volk, das gelernt hat, dem eigenen Geld zu misstrauen, verlernt das nicht in zwei guten Jahren.

Am Nachmittag hole ich ein Auto über die App. Der Fahrer heisst Osvaldo, Mitte sechzig, Hände wie ein Handwerker – und trägt einen Nachnamen, der nach Ligurien klingt. Als er meinen Akzent hört, geht ein Fenster auf. Sein Urgrossvater kam 1904 aus Genua, als Hafenarbeiter, mit einem Koffer und ohne Spanisch. «Die haben hier unten gebaut, was heute jeder fotografiert», sagt er und zeigt Richtung Süden, Richtung La Boca. Dann kommt der Teil, den ich seither nicht mehr loswerde. Ich frage ihn nach den Preisen. Osvaldo lacht kurz und trocken. Die Inflation sei ja «gesunken» – im Sommer 2026 auf rund 34 Prozent im Jahresvergleich, nach über 200 Prozent vor drei Jahren. Nur: Sein Lohn kaufe heute weniger als damals. «Meine Schwiegertochter kauft Tomaten einzeln. Nicht ein Kilo. Drei Stück. Und Fleisch?» Er hebt eine Hand vom Lenkrad. «Fleisch ist für die Touristen.»

Ich habe das später nachgeschaut, weil ich es nicht glauben wollte. Es stimmt: Rindfleisch hat sich in Argentinien innert eines Jahres um über 60 Prozent verteuert, der Pro-Kopf-Konsum ist auf rund 44 Kilo gefallen – der tiefste Wert seit zwei Jahrzehnten. In dem Land, das seine Identität aus Asado und Rinderherden bezieht, essen die Leute jetzt Huhn. Oder sie lassen das Fleisch ganz weg.

La Boca: Farbe aus Schiffsresten

Am zweiten Morgen fahre ich nach La Boca, ans Ufer des Riachuelo. Die berühmten bunten Wellblechhäuser sind kein Designkonzept, sondern Improvisation: Die Einwanderer strichen ihre Conventillos mit den Farbresten, die im Hafen von den Schiffen übrig blieben. Deshalb wechselt an manchen Fassaden die Farbe mitten in der Wand. Armut, die schön geworden ist, weil jemand nicht aufgeben wollte.

Fünf junge Männer genuesischer Herkunft gründeten hier 1905 einen Fussballklub. Boca Juniors. Die Fans heissen bis heute Xeneizes – Genueser, im ligurischen Dialekt. Ein paar Strassen weiter steht La Bombonera, und in ganz Buenos Aires blickt einem Diego Maradona von den Hauswänden entgegen, oft direkt neben Messi. Der eine ist der widersprüchliche Held von unten, der andere der stille Perfektionist, der das Land 2022 endlich wieder gewinnen liess. «Brot und Spiele», denke ich zuerst, und ertappe mich beim Zynismus. Osvaldo hätte widersprochen. Wenn das Brot teuer wird, ist das Spiel nicht Ablenkung, sondern das Letzte, was allen gleichermassen gehört. Fussball ist hier kein Ventil für die Wut, sondern der Beweis, dass es noch etwas gibt, worauf man gemeinsam stolz sein darf.

Mercado de San Telmo: der beste und der schlechteste Teller

Mittags gehe ich weiter in den Mercado de San Telmo, diese wunderbare Halle aus Gusseisen und Glas von 1897, in der Antiquitätenstände, Gemüsekisten und Küchen nebeneinander stehen. An einer der Parrillas im Markt bekomme ich ein Stück Fleisch über Glut, dazu Chimichurri – Petersilie, Knoblauch, Oregano, Essig, Öl –, das ich am liebsten löffelweise essen würde. Ein Glas Malbec dazu. Und danach meine Lieblings-Empanadas: dünner Teig, saftige Füllung, an der Naht diese kleine geflochtene Kante, an der man erkennt, was drin ist.

Zum Schluss ein hausgemachtes Glacé von Lucciano’s, Eis am Stiel, kunstvoll überzogen – eines davon im Maradona-Look, himmelblau-weiss gestreift wie das Nationaltrikot. Man isst hier ein Denkmal auf einem Holzstäbchen und findet das völlig normal. Dann rechne ich um. Das ganze Essen kostet mich weniger als ein Mittagsmenü zu Hause. Ich habe selten so schlecht gegessen wie an diesem hervorragenden Mittag.

Ein Land, das zwei Wahrheiten gleichzeitig lebt

In einem Café in Palermo bringt mir María Alejandra den Cortado. Alle nennen sie Mariale. Sie kommt aus Maracaibo, ist vor sechs Jahren aus Venezuela hierher gezogen und hört meiner halb ausgesprochenen Frage – wie hältst du das aus mit dieser Inflation? – höflich zu, bevor sie sie freundlich zurechtrückt. «Ihr messt das an Europa», sagt sie. «Ich messe es an Caracas.» Dann zählt sie auf, ruhig, fast wie eine Liste, die sie oft im Kopf durchgeht: Hier gehört ihr, was sie kauft. Hier kann sie sagen, was sie denkt, auch über die Regierung. Hier gibt es Gerichte, an die man sich wenden kann, eine Presse, die austeilt, Wahlen, deren Ergebnis nicht vorher feststeht. «Geld verliert an Wert. Aber Rechte, die du verloren hast, bekommst du nicht zurück.» Ich habe an diesem Tisch mehr über Freiheit gelernt als in manchem Buch.

Was mich zusätzlich überrascht: Diese Stadt gründet. In den Cafés um mich herum sitzen Leute mit Laptops und reden über Runden und Investoren. Argentinien hat aus dem Nichts Weltfirmen wie Mercado Libre und Globant hervorgebracht, und gerade im Foodbereich passiert Erstaunliches – Biotech-Unternehmen, die Farbstoffe aus Pilzen gewinnen, Start-ups für pflanzliche Proteine, Agrarforschung aus der Puna-Wüste. Dazu Produkte, die weltweit mithalten: Fleisch, Olivenöl, Honig, Weine, deren Preis-Genuss-Verhältnis in Europa niemand glaubt. Ein Land, das gleichzeitig auseinanderfällt und Neues erfindet. Beides ist wahr, im selben Häuserblock.

Argentinien tanzt zwischen den Welten.

Bewusster reisen heisst auch: Neue Massstäbe setzen

Nach 48 Stunden sitze ich wieder im Cockpit, diesmal Richtung Norden, und merke, dass ich müde bin auf eine Art, die nichts mit Schlaf zu tun hat. Ich bin mit einem grossen Reiseglück und einem kleinen schlechten Gewissen nach Hause geflogen. Ich hatte ein günstiges Steak gegessen in einem Land, in dem Familien Tomaten einzeln kaufen. Ich hatte für zwei Tage ein Leben getestet, das andere aushalten müssen. Und ich hatte Menschen getroffen, die mir mit einer Selbstverständlichkeit erklärt haben, was zählt, die mich beschämt hat: die Herkunft, die man nicht vergisst. Die Rechte, die man erst schätzt, wenn man ohne sie gelebt hat. Der Stolz, den man nicht kaufen kann. Reisen macht nicht automatisch demütig. Aber manchmal setzt es die Massstäbe neu. Seit Buenos Aires schaue ich anders auf den Einkaufszettel, auf das Wahlkuvert im Briefkasten, auf die vielen kleinen Selbstverständlichkeiten hier. Und ich nehme jeden Anruf entgegen, der mit «Kommst du mit?» anfängt.

Bildquellen: Stephan Lendi, pexels, Phillip Capper.

Stephan Lendi

Stephan liebt Menschen – und ihre Geschichten. Seine Leidenschaft für Sprache und Reisen verbindet er für mycation auf ganz eigene Weise: Er hört zu, fragt nach – und nimmt dich mit auf die Reise hinter die Kulissen.

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