„Du musst das einmal erlebt haben“, sagen mir meine Freunde Anja und Michael seit Jahren. Dieses Jahr war es soweit: Wir gingen gemeinsam an den 68. Wiener Opernball – für mich eine Premiere und schon viele Jahre auf meiner Bucketlist. Und ja, ich war nervös. Nicht nur wegen des Glamours, sondern auch wegen der Organisation, die hinter so einem Abend steckt.
Tickets sind teuer und begehrt
Die Tickets sind heiss begehrt. Rund 5’000 werden ausschliesslich über das Opernball-Büro vergeben, die Registrierung erfolgt bereits im Juni des Vorjahres – Warteliste inklusive. Dass wir dank unseres Netzwerks eine Eintrittskarte (375 Euro) und zusätzlich einen Sitzplatz auf der Galerie (190 Euro) bekamen, war alles andere als selbstverständlich. Und ich kann vorwegnehmen: Der Sitzplatz für die Eröffnung war jeden Euro wert.
Wir reisten bereits am Vorabend an, was ich absolut empfehlen kann. Am Morgen des Balls holte ich meinen Frack im traditionsreichen Kostümverleih Lambert Hofer ab, inklusive Hemd, Weste, Lackschuhen und Manschettenknöpfen. 310 Euro später war ich korrekt gekleidet. Denn am Opernball gibt es bei Männern keine Diskussion: Frack mit weisser Fliege ist Pflicht. Punkt. Für die Damen gilt die „grosse Abendrobe“ und zwar bodenlang und elegant, Weiss ist traditionell den Debütantinnen vorbehalten. Auch hier gibt es keinen Spielraum für halbe Sachen. Der Dresscode ist streng, aber genau das macht den Reiz aus. Man fühlt sich sofort als Teil von etwas Besonderem.

Meine Tipps für deinen ersten Opernball
- Bereits im Juni fürs nächste Jahr registrieren.
- Wenn möglich: Sitzplatz für die Eröffnung buchen.
- Frack im Voraus reservieren.
- Am Vortag anreisen – das reduziert Stress enorm.
- Für Damen: flache Schuhe an der Garderobe deponieren – die Nacht dauert bis 5 Uhr.
Lieber auswärts verpflegen
Bevor wir uns ins Getümmel stürzten, gingen wir um 18 Uhr im Gasthaus zur Oper essen, gleich vis-à-vis der Staatsoper. Das hatte zwei Vorteile: kein Zeitdruck und ein solides Fundament für die lange Nacht. Am Opernball selbst ist das gastronomische Angebot überschaubar und teuer. Getränketechnisch blieben wir beim Weissen Spritzer (15,50 Euro). Ein Glas Sekt kostet 21 Euro, die Flasche Champagner 345 Euro. Wer Hunger bekommt, zahlt 18 Euro für Bio-Würstel mit Semmel. Gut zu wissen, dass ein Teil des Eintrittstickets und aller Gastronomieumsätze an die Initiative “Österreich hilft Österreich” gespendet wird. Unser soziales Engagement stieg im Laufe des Abends spürbar an.
Um dem grossen Andrang am Haupteingang zur Staatsoper zu entgehen, wählten wir kurz nach 20.15 Uhr den Eingang über die linke Garderobe. Stressfrei rein, Jacke abgeben, dann Richtung Feststiege. Und selbst für jemanden wie mich, der schon viele Events erlebt hat: Dieser Moment hat Eindruck hinterlassen. Die Blumendekorationen waren opulent, das Publikum international, die Stimmung gespannt.

Ab auf Parkett: Das musst du wissen
Um Punkt 22 Uhr begann die Eröffnung. Von unserem Platz auf der Galerie hatten wir perfekte Sicht auf das Parkett. Opernstars, Ballett, und dann die Debütantinnen und Debütanten – alles perfekt choreografiert, konzentriert, klassisch. Dieser Moment war für mich das eigentliche Herzstück des Abends. Gut zu wissen: Ohne Sitzplatz sieht man die Eröffnungszeremonie nur über Bildschirme in den Gängen der Oper. Das wäre dann wohl der teuerste Fernsehabend meines Lebens gewesen, wobei das Sofa zu Hause deutlich bequemer ist.

Um 22.50 Uhr war die Tanzfläche fürs Publikum freigegeben. Und hier kommt eine wichtige Erkenntnis: Man muss keinen Wiener Walzer beherrschen, um mitzutanzen. Die Quadrille um Mitternacht, 2 Uhr und 4 Uhr funktioniert nach dem Prinzip „Learning by Doing”, inklusive Live-Anweisungen. Wer zählen kann und ein Mindestmass an Koordination mitbringt, ist voll dabei. Der Rest wird mit Charme ausgeglichen. Und spätestens wenn man gemeinsam in die falsche Richtung dreht, ist das Eis gebrochen: Es ist der perfekte Ort, um ganz unkompliziert mit anderen ins Gespräch zu kommen. Überhaupt ist die Atmosphäre am Wiener Opernball viel offener, als ich erwartet hatte. Man kommt überall schnell ins Gespräch – vielleicht, weil alle wissen, dass man Teil desselben besonderen Abends ist.
Was mich überrascht hat: Die Vielfalt im Haus. Acht Stockwerke, unterschiedliche Musikrichtungen, vom klassischen Walzer bis zum Club im Untergeschoss. Wer genug vom Parkett hat, zieht weiter. Der Opernball ist nicht nur Tradition – er ist auch Party. People-Watching gehört natürlich dazu. Von oben hat man einen guten Blick auf die Feststiege und die ankommenden Gäste. Internationale Stars (in diesem Jahr u.a. Sharon Stone), österreichische Politik, Wirtschaft, Society – alle waren vertreten. Und doch wirkt vieles erstaunlich entspannt.
Die besten Spots am Opernball
- Für Promi-Beobachtung: oberster Stock mit Blick auf die Feststiege.
- Für Stimmung: nach Mitternacht zu Radio Wien im fünften Stock.
- Für Blumen: Ab 2 Uhr dürfen Blumen mitgenommen werden – rechtzeitig an der Feststiege sichern.
Wien normalisiert sich wieder
Die Zeit ist an diesem Abend erstaunlich schnell verflogen. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass man sich gemäss Dresscode nicht einmal mit einer Armbanduhr orientieren darf. Gegen 4.30 Uhr verliessen wir die Oper. Müde, aber elektrisiert. Wir nahmen uns – ganz offiziell – ein paar der verbliebenen Blumen mit und schnappten uns beim Ausgang das Goodiebag mit dem offiziellen Espresso-Tassenset.

Als wir hinaus in die kühle Wiener Morgenluft traten, war die Stadt ruhig. Ein starker Kontrast zur Nacht davor. Am Taxistand kamen wir noch mit einer Primaballerina aus Litauen ins Gespräch, die – kaum wieder draussen – ganz selbstverständlich in Jeans ins Taxi stieg. Ein schönes Bild dafür, wie sich Wien nach einer Nacht im Ausnahmezustand langsam wieder normalisiert. Ich merkte, wie viel Eindruck dieser Abend hinterlassen hatte, und zwar nicht nur wegen des Glamours, sondern wegen der Mischung aus Organisation, Tradition und Offenheit.
Der Wiener Opernball ist kein spontaner Event, den man einfach so mal besucht. Er ist ein Projekt. Mit Planung, Budget, Dresscode und Durchhaltevermögen. Aber genau das macht ihn besonders. Und würde ich wieder hingehen? Ja. Mit besser trainierten Füssen und einem strukturierten Regenerationsplan für den Folgetag.



