Viele verbinden eine Heissluftballonfahrt im Winter mit klirrender Kälte, starkem Wind und wenig Komfort. Genau das hab ich vor meiner Fahrt auch immer wieder gehört. Doch was ich im Saanenland erlebt habe, war das komplette Gegenteil – und eines der ruhigsten, schönsten und eindrücklichsten Erlebnisse, die man in den Schweizer Alpen haben kann.
Heissluftballone hatten für mich schon immer etwas Magisches. Sie sind diese leisen Aviatikobjekte, die sofort ins Auge fallen: mal als bunte Punkte hoch oben am Himmel, mal tief schwebend, begleitet vom charakteristischen Fauchen des Gasbrenners. Vor rund fünf Jahren durfte ich dieses Gefühl erstmals erleben – bei einer Ballonfahrt über die Sümpfe Floridas zum Sonnenaufgang. Schon damals war klar: Das ist kein gewöhnlicher Flug, sondern ein Erlebnis für alle Sinne.
Umso gespannter war ich, dieses Gefühl nun ein zweites Mal zu erleben – diesmal in einer völlig anderen Kulisse. Statt Palmen und Feuchtgebieten warteten Schnee, Gipfel und Winterstille. Ich entschied mich für eine Alpenrundfahrt mit Take-Off Balloon im Saanenland – eine Region, die wie gemacht für dieses Abenteuer ist.

Flexibilität ist Teil des Abenteuers
Wer eine Heissluftballonfahrt bucht, sollte eines unbedingt mitbringen: Zeitliche Flexibilität. Das Wetter muss perfekt sein – kein Regen, kein Sturm, kaum Wind. Ob die Fahrt stattfindet, erfährt man oft erst rund 18 Stunden vorher. Genau das macht aber auch einen Teil der Spannung aus.
Ende Januar war es dann so weit. Früh an einem Sonntagmorgen, kurz nach 6 Uhr, machten wir uns auf den Weg Richtung Château-d’Oex, dem bekannten Ballon-Mekka der Schweiz. Auf einem Parkplatz trafen wir den Piloten und das Verfolgerfahrzeug, welches uns zu einer nahegelegenen Wiese fuhr – und erst dort begann das eigentliche Spektakel.

Der Ballon steht nämlich nicht fix und fertig bereit. Alles wird vor Ort aufgebaut. Der geflochtene Korb, der Gasbrenner, die riesige Hülle aus speziellem Ripstop-Nylon – alles wird aus dem Anhänger geholt. Wer mitfliegt, hilft mit. Die Hülle wird ausgebreitet und mit einem Ventilator mit kalter Luft gefüllt, bis sie langsam Form annimmt. Dann kommt der Moment, in dem der Pilot den Gasbrenner zündet und heisse Luft in den Ballon strömt. Innerhalb kürzester Zeit richtet sich der Ballon auf. Jetzt heisst es: rein in den Korb. Platz hat es für sechs Personen inklusive Pilot – und dann hebt man ab. Ganz sanft, sozusagen im Schritttempo.
Ein Aufstieg in Zeitlupe
Das ist eines der Highlights schlechthin: Der Aufstieg passiert unglaublich langsam. Keine Beschleunigung, kein Druck im Ohr – nur das Gefühl, dass die Welt unter einem immer kleiner wird. Die Häuser von Château-d’Oex schrumpfen zu Spielzeug, während am Horizont die Sonne aufgeht und die schneebedeckten Gipfel des Berner Oberlands und des Wallis in goldenes Licht taucht.



Wir steigen weiter, höher und höher, bis auf rund 3’000 Meter über dem Meer. Mit einer gemächlichen Geschwindigkeit von etwa 15 bis 25 km/h treiben wir Richtung Gruyère. Dabei bestimmt alleine der Wind unsere Flugrichtung. Unter uns: ein weisser Teppich. Über uns: tiefblauer Himmel. Um uns herum: absolute Stille.
Winterballonfahrt – viel wärmer als gedacht
„Bist du wahnsinnig? Im Winter ist das doch eisig kalt!“ Diese Frage habe ich vor der Fahrt unzählige Male gehört. Doch genau hier liegt der grösste Irrtum. Im Korb selbst ist es überraschend angenehm. Der Gasbrenner sorgt regelmässig für wohlige Wärme, der Wind ist kaum spürbar, und durch die Sonneneinstrahlung wird es fast schon mild. Ich konnte meine Jacke öffnen, brauchte kaum Handschuhe und genoss einfach die Aussicht. Wichtig: Sonnenbrille und Sonnencreme sind im Winter fast noch wichtiger als im Sommer.
Der Pilot erklärte uns immer wieder, welche Gipfel wir sehen – und die Sicht war schlicht spektakulär. Italienische Alpen, französische Alpen, im Norden sogar der Schwarzwald. Die Weite ist überwältigend.




Landung mit Fingerspitzengefühl
Nach etwas mehr als einer Stunde hielt der Pilot Ausschau nach einem geeigneten Landeplatz. Die Landung ist ein echtes Kunststück: Immer wieder leicht steigen, wieder sinken, den perfekten Moment abpassen, um möglichst nahe an einer Strasse zu landen. Schliesslich setzten wir nahe einer Scheune bei Bulle sanft auf.
Kurz darauf traf das Verfolgerfahrzeug ein. Gemeinsam packten wir an, legten die Hülle zusammen, verstauten alles im Container und luden den Korb auf. Zum Abschluss gab es – ganz traditionell – ein Glas Cava oder Orangensaft, um auf die gelungene Fahrt anzustossen.

Diese Heissluftballonfahrt im Winter hat mich eines Besseren belehrt. Keine Kälte, kein unangenehmer Wind – dafür Ruhe, Weite, Licht und eine Landschaft, die man so nur aus der Luft erlebt. Die Schweizer Alpen sind wie geschaffen für dieses Erlebnis. Ich würde es jederzeit wieder tun. Und vielleicht steht bei mir als Nächstes eine Sommerfahrt zum Sonnenaufgang auf dem Plan. Aber eines ist sicher: Wer glaubt, eine Heissluftballonfahrt im Winter sei unromantisch, war noch nie dort oben.
Heissluftballon-Tipps im Winter:
- Flexibel bleiben: Winterballonfahrten sind stark wetterabhängig. Plane zeitliche Puffer ein und rechne damit, erst kurz vor dem Termin eine definitive Zusage zu erhalten.
- Zwiebellook statt dicke Jacke: Mehrere dünne Schichten sind ideal.
- Sonnenbrille und Sonnencreme nicht vergessen: Auch im Winter: Schnee reflektiert das Licht stark.
- Festes, warmes Schuhwerk tragen: Start- und Landeplätze sind oft verschneite Felder. Gute Schuhe sorgen für sicheren Stand und warme Füsse.
- Keine Angst vor der Höhe: Der Auf- und Abstieg erfolgt extrem sanft. Es gibt kein typisches „Fluggefühl“ – selbst für Höhenängstliche gut geeignet.
- Handschuhe nur für den Boden: Beim Aufbau und nach der Landung sinnvoll, während der Fahrt meist überflüssig.
- Kamera griffbereit halten: Winterlandschaften, Nebelmeer und tief stehende Sonne bieten spektakuläre Motive – am besten mit Handschlaufe sichern.



