Schon seit vielen Jahren bin ich ein grosser Tessin-Fan. Meine Familie besitzt eine kleine Wohnung in Orselina, das liegt oberhalb von Locarno, und ich verbringe sehr viel Zeit dort. Dank meiner Kinder hatte ich die Gelegenheit, viele Ausflüge, Wanderungen und Grotti in der Region auszuprobieren und kennenzulernen. Obwohl ich jedes Jahr mehrere Wochen im Süden der Schweiz verbringe, habe ich noch immer nicht alles erlebt und gesehen. Meine Lieblingsorte im Grossraum Locarno möchte ich euch gerne vorstellen.
Wanderparadies Tessin
Ich beginne mit meinen fünf liebsten Wanderungen. Es ist gar nicht so bekannt, dass das Tessin ein Wanderparadies ist. Es gibt im Süden der Schweiz viele Berge und damit sogar hochalpine Zonen, allerdings kann man auch entlang der Verzasca oder der Maggia hervorragend wandern. Gerade für Kinder sind diese Wege sehr gut geeignet. Ich starte mit der leichtesten Wanderung und steigere mich dann… Viel Vergnügen beim Ausprobieren.

Kugelbahnwanderung entlang der Verzasca

Offiziell heisst diese Wanderung BoBosco – das ist eine Abkürzung für «Boccia al bosco», was so viel bedeutet wie «Boccia im Wald.» Mit BoBosco können Kinder das Verzascatal auf spielerische Weise kennenlernen. Der Wanderweg besteht aus zwei Teilen, ein Teil führt von Brione bis nach Lavertezzo, der zweite von Gerra nach Sonogno. Die Wanderung ist insgesamt 9,8 Kilometer lang. Man läuft durch den Wald, entlang der smaragdgrünen Verzasca. Wir sind jeweils in Brione eingestiegen und nach Lavertezzo gelaufen. Diese Strecke beträgt 5,5 Kilometer und ist auch mit kleineren Kindern gut machbar. Kinderwagentauglich ist der Wanderweg aber nicht. Ich würde empfehlen, mit dem Bus nach Brione zu fahren und das Auto in Lavertezzo zu lassen. Oder gleich den Bus ab Tenero oder Locarno zu nehmen. Wenn ein Kind nicht mehr laufen mag, kann man auch zwischen Brione und Lavertezzo aussteigen und eine Bushaltestelle suchen.
Das Coole an der Wanderung: In Brione (sowie an zahlreichen weiteren Verkaufsstellen) kann man für neun Franken eine Holzkugel kaufen. Entlang der Wanderstrecke gibt es diverse grosse Kugelbahnen, in denen die Kinder ihre Kugel rollen lassen können. Die Kugelbahnen beinhalten spannende Konstruktionen wie Flaschenzüge, Seilbahnen, Schleudern oder Wasserschleusen – viele Highlights für die Kleinen.
Unterwegs gibt es zahlreiche Möglichkeiten, zu picknicken, vor allem die flachen Steine am Verzasca-Ufer sind natürlich perfekt für eine kurze Rast. Und in Lavertezzo wartet nicht nur ein Glace vom Kiosk, sondern auch die alte Römerbrücke «Ponte dei Salti» mit den geschliffenen Steinen, wo man sonnen oder einen Sprung in den kühlen Fluss wagen kann.

Kugeln kaufen für BoBosco
Hier kann man die BoBosco-Kugeln kaufen (Auswahl): Bäckerei El Prestin Sonogno / Verkaufsautomat Gerra oder Brione / Coop Brione Verzasca / Kiosk Deka Lavertezzo / Grotto al Ponte Lavertezzo / Tourist Office Tenero oder Ascona. Mehr Infos: www.bobosco.ch.
Auf dem Hausberg Locarnos: Cardada – Cimetta

Ab Orselina (oberhalb von Locarno) führt eine Gondelbahn hinauf zur Cardada. Oben erwartet einen nicht nur eine fantastische Aussicht, sondern auch ein Restaurant sowie ein grosser Abenteuerspielplatz für Kinder zwischen den Bäumen. Sie können klettern, verschiedene Barfusspfade beschreiten und natürlich einfach toben, rutschen oder ritiseilen. Hinter dem Restaurant führt ein Pfad hinunter zu einer Aussichtsplattform, wo man bei guten Wetter in der Ferne sogar die Dufourspitze sehen kann.


Wir möchten ja aber wandern. Also, los geht’s. Von der Cardada aus gibt es einen Sessellift, der zur Cimetta hochfährt. Ich empfehle, mit dem Sessellift nach oben zu fahren und dann zu Fuss zurück zur Cardada zu laufen – oder umgekehrt. Ich persönlich laufe lieber rauf als runter. Der Aufstieg dauert etwa eine Stunde und ist einfach wunderschön. Es gibt einen gut ausgebauten Pfad, der auch für weniger geübte Wanderer machbar ist. Unterwegs warten zwei Bergrestaurants auf hungrige Touristen. Es gibt Tessiner Platten, Safranrisotto vom Feuer und weitere regionale Köstlichkeiten. Auch ein kleiner Speichersee liegt auf unserem Weg.



Immer wieder wird man mit der schlichtweg grandiosen Aussicht belohnt – man überblickt den Lago Maggiore mit den Brissago Inseln, Ascona, Locarno, die Magadino-Ebene und sieht bis nach Bellinzona. Auf der anderen Seeseite erblickt man den Monte Ceneri und einige Regionen Italiens.
Oben auf der Cimetta gibt es ein weiteres Restaurant sowie einen Aussichtspunkt. Von hier aus starten übrigens viele Gleitschirmflieger. Man kann auch mitfliegen. Ich habe es ausprobiert und es ist ein grossartiges Gefühl, ich glaube, so fühlt sich ein Vogel. Hoch in der Luft, eine mystische Stille und ein leiser Wind um die Nase.
Infos zur Seilbahn
Die Seilbahn Orselina-Cardada ist von März bis November in Betrieb und fährt alle dreissig Minuten. GA, Halbtax und Juniorpass können verwendet werden. Mehr Infos: www.cardada.ch.
Von Foroglio aus ins Val Calnègia

Eine meiner liebsten Wanderungen. Auch diese ist gut machbar für weniger geübte Wanderer und Kinder, sie wird aber langsam etwas anstrengender. Foroglio ist eines dieser typischen Tessiner Bergdörfer, die aussehen, als wären sie aus der Zeit gehüpft. Kleine Steinhäuschen, schmale Gassen, Palmen und Geranien vor den Fenstern. Das Dorf liegt im Val Bavona, in einem Seitental des Maggiatals. Man erreicht es mit dem Auto oder mit dem Postauto. Oder, wenn man eine gute Kondition hat, mit dem Velo.


In unmittelbarer Nähe zum Dörfchen, nur zwei, drei Gehminuten entfernt, im Wald, liegt der Wasserfall von Foroglio. Was für ein Spektakel – das Wasser kracht aus dutzenden Metern Höhe in ein Becken, es spritzt und zischt in alle Richtungen. Bevor man mit der Wanderung startet, sollte man dem Wasserfall auf jeden Fall einen Besuch abstatten.
Danach führt ein kleiner Weg durch die kühlen Gassen zwischen den uralten Steinhäusern hindurch, geradewegs in den Kastanienwald und beginnt langsam anzusteigen. Bald öffnet sich das Laubdach und gibt den Blick frei auf die Granitdächer von Foroglio und in das von senkrechten Felswänden umgebene Bavonatal.


Oben angekommen, erwartet einen das Val Calnègia mit dem gleichnamigen Fluss, der über Foroglio letztlich in die Tiefe stürzt. Ehrlich gesagt fühlte ich mich, als wäre ich in Mittelerde gelandet: wunderschöne, ausgewaschene Gesteinsformationen, der liebevoll restaurierte Weiler von Puntid mit seinem eleganten Bogenbrücklein. Man gelangt durch einen Laubwald und einige Geröllhalden bis zum Weiler Gerra und seine an einen Felsbrocken gemalte Bergmadonna. Das Ziel der stets leicht ansteigenden Wanderung ist jedoch der hinterste Weiler im Tal, Calnègia, von wo aus die Rückkehr nach Foroglio auf demselben Weg verläuft.
Insgesamt ist diese Wanderung rund 8,4 Kilometer lang und hat 465 Höhenmeter. Wer abgehärtet ist, kann sich in der eiskalten Calnègia abkühlen. Entlang des Flusses gibt es viele Picknickmöglichkeiten, man muss jedoch etwas zu essen mitbringen, hier oben hat es keine Einkehrmöglichkeiten. Ein Grotto befindet sich unten in Foroglio.
Durch das Valle del Salto

Es wird langsam anstrengender. Das Valle del Salto ist ein echter Geheimtipp. Und was für einer. In dieses Seitental gelangt man vom Dörfchen Maggia aus. Dieses ist einfach mit dem Auto oder dem Postauto zu erreichen. Auf einem historischen Pfad mit Steintreppen geht es in die Höhe. Es braucht eine gute Kondition, man muss doch 666 Höhenmeter überwinden. Der Anstieg lohnt sich.

Die Rundwanderung entführt in ein abgeschiedenes Tal mit sprudelnden Bergbächen, tiefen, imposanten Schluchten und zauberhaften Wäldern mit Birken- und Kastanienbäumen. Und zu Beginn und am Schluss wartet die Pioda-Kapelle mit Fresken aus dem Spätmittelalter und das malerische Dorf Maggia. Der Rundweg ist fast neun Kilometer lang – am Ende muss man die 666 Höhenmeter wieder absteigen, was vor allem bei mir etwas in die Knie ging. Im Valle del Salto haben wir keine Restaurants gefunden, Picknicken ist aber sehr gut möglich.
Dreiseenwanderung oberhalb von Bosco Gurin

Kommen wir zum Schluss und zum absoluten Highlight meines kleinen Tessin-Wanderspecials. Für die Dreiseenwanderung oberhalb von Bosco Gurin braucht es eine hervorragende Kondition, gute Trittsicherheit und viel Orientierungssinn. Belohnt wird man mit einer sensationellen hochalpinen Berglandschaft.
Nur schon die Anfahrt nach Bosco Gurin ist ein Abenteuer. Auch hier kann man das Auto nehmen oder mit dem Postauto fahren. Der Weg führt aus dem Maggiatal hinaus über eine kurvige Strasse immer weiter nach oben. Bosco Gurin liegt auf 1500 Metern über Meer und ist die höchstgelegene Gemeinde des Kantons Tessin. Es ist zudem der einzige Ort in der italienischsprachigen Schweiz, in dem seit über 600 Jahren ein deutscher Walserdialekt, das Gurinerdeutsch, gesprochen wird. Es ist sehr spannend, die Strassenbezeichnungen in dieser speziellen Sprache zu lesen.
Entsprechend haben auch die Ziele der Wanderung deutsche Namen. Eine Sesselbahn führt hinauf auf die Grossalp. Dort oben gibt es übrigens eine Rodelbahn. Danach ist die Zivilisation aber so gut wie vorbei. Über Stock und Stein geht es quer hinüber zu den Bergseen. Wir brauchten, ich gebe es zu, zwischendurch die Handy-Navigation. Einmal verliefen wir uns trotzdem und standen knietief in kratzigen Heidelbeerstauden. Wege gibt es nicht, wenn man Glück hat, findet man eine rot-weiss-rote Wanderwegmarkierung, während man über die Felsen in die Höhe klettert. Kinder bitte nur mitnehmen, wenn sie klettern können und eine gute Kondition haben.



Die Belohnung für die Mühe liegt auf der Hand: eine unfassbar schöne Landschaft, eine grandiose Aussicht, herrliche Bergluft und dann endlich – die drei Seen, der Ender See, der Schwarzsee und der Üssar See. Wer mutig ist, kann einen Spung ins eiskalte, kristallklare Wasser wagen. Diese hochalpine Kulisse liegt auf über 2400 Metern über Meer und bietet typische Walserlandschaften. Die Seeufer laden auch zur Rast und zu einem Picknick ein. Restaurants oder andere Einkehrmöglichkeiten sucht man hier oben vergebens.
Zurück geht es über die Alpe Wolfstaffel oder das Gebiet Herlich runter nach Bosco Gurin. Man muss über 1000 Höhenmeter überwinden – dies beachten, obwohl es runter geht, wird es noch einmal anstrengend. Insgesamt haben wir mit zwei Kindern und diversen Pausen rund sieben Stunden gebraucht, angegeben wird die Wanderung mit fünf Stunden. Wir waren glücklich, als wir zurück im Dorf waren – und absolut überwältigt. Es ist bis heute eine der schönsten, eindrücklichsten Wanderungen, die ich je gemacht habe (und ich wandere oft) und sie zeigt, wie vielfältig das Tessin als Wanderkanton ist.
Habt ihr Lust bekommen, selbst mal im Tessin zu wandern?
So wird deine Wanderung im Tessin zum Erfolg
Die Wanderung in Bosco Gurin führt steil und lange bergab. Wanderstöcke können helfen, die Belastungen auf die Knie abzufedern. Für alle Wanderungen: Mückenspray, Sonnencreme, Picknick und genügend Wasser nicht vergessen!



