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Ich bin diese Strecke schon einmal gefahren. Vor über 30 Jahren, als Kind, mit meinen Eltern. Damals war der Roadtrip von Calgary nach Vancouver ein echtes Abenteuer: lange Tagesetappen, stellenweise noch nicht asphaltierte Strassen, Motels mit Neonlichtern und dieser leicht raue, ländliche Charme Westkanadas.

Heute sitze ich wieder im Auto. Neben mir Sebastian, hinten Irene und Paul. Die Strassen sind besser, die Navigation einfacher, die Pausen komfortabler. Und doch ist das Entscheidende gleich geblieben: die Weite, die Zeit, das Gefühl, unterwegs zu sein. Fast von Beginn an begleitet uns dabei eine zweite Linie in der Landschaft – die Eisenbahn.

Prärie, Horizont und erste Gleise

Hinter Calgary liegt die wilde Natur der Rockies.

Calgary ist der ideale Ausgangspunkt für diesen Roadtrip. Die Stadt liegt noch in der offenen Prärie, doch im Westen zeichnen sich bereits die Rockies ab. Schon kurz nach der Abfahrt tauchen erste Gleise auf. Sebastian entdeckt sie sofort. Er interessiert sich seit Jahren für Eisenbahnen und beginnt zu erzählen – über Dampfloks, über frühe Streckenführungen, über Züge, die einst die einzige Verbindung zwischen Ost und West waren. Während ich fahre, legt er eine zweite Ebene über die Landschaft: Geschichte in Bewegung. Dann: Ein kurzer Abstecher zum Okotoks Erratic südlich von Calgary. Ein einzelner Findling in weiter Landschaft – unspektakulär und genau deshalb typisch kanadisch.

Der Okotoks Erratic ist ein riesiger Findling mitten im Nirgendwo.

Postkartenmotive und die ersten Güterzüge

Im Banff National Park wird die Landschaft dramatisch. Die Berge rücken näher, Wälder schliessen sich, Seen leuchten türkis. Das Staunen von damals ist sofort wieder da – heute ergänzt um Respekt. Unten im Tal ziehen immer wieder Güterzüge vorbei. Unendlich lange Reihen von Waggons, die sich langsam durch die Landschaft schieben. Wagen um Wagen, minutenlang. Manchmal sieht man gleichzeitig Anfang und Ende in verschiedenen Kurven. Sebastian schätzt: zwei, drei Kilometer Länge, mehrere Loks verteilt über den Zug.

Was für uns beeindruckend ist, ist hier Alltag. Die Strecke gehört seit über einem Jahrhundert zum Rückgrat des Landes, betrieben unter anderem von der Canadian Pacific Railway. Ohne sie gäbe es Orte wie Banff in dieser Form nicht. Am Lake Louise stehen wir frühmorgens am Ufer. Vor 30 Jahren war es reines Staunen. Heute kommt Demut dazu. Mein Tipp: Wer dem Trubel entgehen will, fährt weiter westlich zum Emerald Lake im Yoho National Park: ruhiger, nicht weniger eindrucksvoll.

Icefields Parkway: Strasse gegen Schiene

Der Icefields Parkway gehört der Strasse. Hier verschwindet die Bahnlinie oft vollständig aus dem Blickfeld, als hätte sich die Landschaft bewusst entschieden, für eine Weile allein zu sprechen. Gletscher hängen wie eingefrorene Bewegungen an den Berghängen, Wasserfälle schneiden helle Linien in dunklen Fels, weite Täler öffnen sich ohne Übergang. Es ist keine Verbindung zwischen zwei Punkten, sondern eine Offenlegung dessen, was da ist.

Weniger Eis als vor 30 Jahren: Die Gletscher am Columbia Icefield.

Am Columbia Icefield halte ich unwillkürlich an. Vor über 30 Jahren reichte das Eis noch bis nahe an die Strasse. Ich erinnere mich daran, wie massiv und selbstverständlich der Gletscher wirkte; als etwas Dauerhaftes, Unverrückbares. Heute liegt zwischen Asphalt und Eis eine spürbare Distanz. Jahr für Jahr hat sich das Eis zurückgezogen, leise, aber konsequent. Die Markierungen am Hang erzählen davon nüchtern in Zahlen. Mich trifft es emotionaler, als ich erwartet hätte. Nicht spektakulär, eher still. Eine Mischung aus Schock und Traurigkeit, weil Erinnerung und Gegenwart nicht mehr zusammenpassen.

Ingenieurskunst im Berg

Am Kicking Horse Pass halten wir an. Nicht wegen der Aussicht, sondern wegen der Geschichte. Hier liegen die Spiral Tunnels, die berühmten Kehrtunnels. Sebastian erklärt begeistert, wie Züge hier im Berg an Höhe verlieren: Ein Zug fährt in den Tunnel, windet sich spiralförmig durch den Fels und kommt tiefer wieder heraus. Manchmal sieht man gleichzeitig Lok und Waggons an völlig unterschiedlichen Stellen im Hang. Er erzählt von der ursprünglichen Strecke: so steil, dass Bremsen versagten, Züge entgleisten, Loks explodierten. Die Kehrtunnels galten vor über 100 Jahren als Meisterleistung. Ich sehe Wald und Fels und plötzlich auch all die Arbeit, die darin steckt.

Die Züge Kanadas müssen über riesige Brücken und durch spezielle Tunnels fahren.

Es wird ruhiger und weicher

Im Jasper National Park wird es ruhiger. Weniger Besucher, mehr Raum. Abends, wenn Güterzüge langsam durch die Täler ziehen, wirken sie fast meditativ. Weiter westlich erhebt sich der Mount Robson. Der höchste Berg der kanadischen Rockies zeigt sich selten vollständig. Die Bahnlinie zieht unten vorbei – unscheinbar, aber unverzichtbar.

Blick auf Mount Rundle im Banff National Park.

Mit dem Wechsel nach British Columbia verändert sich die Stimmung. Die Wälder werden dichter, das Licht weicher. Die Gleise tauchen auf und verschwinden wieder, folgen Flüssen, schneiden durch Täler. Hier lohnt sich ein Abstecher in den Wells Gray Provincial Park – Wasserfälle, Weite, kaum Verkehr. Kanada pur.

In Vancouver treffen Schienen auf Stadt und Meer

Vancouver fühlt sich an wie ein sanfter Übergang. Stadt, Wasser, Berge. Güterzüge rollen bis nahe an den Hafen, Schiene und Seeverkehr greifen ineinander. Für mich ist es Ankommen. Für Sebastian ein logistisches Gesamtkunstwerk. Ein Spaziergang durch den Stanley Park, ein Abend am Wasser – Vancouver ist kein lauter Abschluss, sondern ein Atemholen.

Mit der Fähre von Tsawwassen nach Vancouver Island endet die Bahnlinie – zumindest vorerst. Die Stadt verschwindet, das Meer öffnet sich. Es ist ein Perspektivwechsel. Auf Vancouver Island wird alles noch einmal langsamer. Regenwälder, raue Küsten, Orte wie Tofino oder der Pacific-Rim-Nationalpark wirken wie das Ende der Strasse. Und vielleicht ist genau das der richtige Ort, um diesen Roadtrip ausklingen zu lassen.

Wildes Vancouver Island.

Dieser Roadtrip ist für mich keine Wiederholung, sondern eine Fortsetzung. Die Berge sind dieselben. Die Strassen besser. Ich selbst ein anderer. Und durch Sebastians Eisenbahngeschichten bekommt die Landschaft Tiefe. Man fährt nicht nur durch Raum, sondern durch Zeit. Und manchmal reicht ein Blick auf einen endlos langen Güterzug im Tal, um zu verstehen, wie viel Arbeit, Geduld und Bewegung nötig waren, um diese Weite überhaupt für uns zugänglich zu machen.

Stephan Lendi

Stephan liebt Menschen – und ihre Geschichten. Seine Leidenschaft für Sprache und Reisen verbindet er für mycation auf ganz eigene Weise: Er hört zu, fragt nach – und nimmt dich mit auf die Reise hinter die Kulissen.