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Schon seit vielen Jahren bin ich ein grosser Tessin-Fan. Meine Familie besitzt eine kleine Wohnung in Orselina, das liegt oberhalb von Locarno, und ich verbringe sehr viel Zeit dort. Dank meiner Kinder hatte ich die Gelegenheit, viele Ausflüge, Wanderungen und Grotti in der Region rund um Locarno auszuprobieren kennenzulernen. Und obwohl ich jedes Jahr mehrere Wochen im Süden der Schweiz verbringe, habe ich noch immer nicht alles erlebt und gesehen. Meine Lieblingsorte möchte ich euch gerne in dieser Serie vorstellen. In diesem Teil zeige ich euch fünf unvergessliche Ausflüge mit der ganzen Familie.

mycation Contributor Nadine liebt das Tessin. Hier sitzt sie auf einem Stein am Fluss unterhalb des Frodo-Wasserfalls, für sie ein Kraftort.

Canyoning in den Tessiner Schluchten

Beim Canyoning geht es zu Fuss durch eine Schlucht – Hindernisse überwindet man durch Rutschen, Abseilen oder Sprünge in gestaute Flussbecken.

Fangen wir mit einem Abenteuer an: Habt ihr gewusst, dass es im Tessin über zweihundert Canyons gibt, die mit Haken ausgerüstet sind, damit sie für Touren begangen werden können? Viele der Schluchten sind zudem ganz einfach zu erreichen – mit dem Auto oder über einen kurzen Fussmarsch. Das macht das Tessin zu einem wahren Canyoning-Paradies.

Wir haben eine Anfängertour durch das Val di Vira gewählt, die auch für Kinder ab etwa sieben Jahren gut machbar ist. Die Schlucht führt direkt in den Lago Maggiore hinein und bietet auf einer relativ kurzen Strecke alles, was Canyoning ausmacht. Das vorherrschende Gestein in den Schluchten ist Gneis, über die Jahrhunderte hat sich das Wasser in den weichen Stein gefressen und ihn abgeschliffen. So sind wunderschöne Felsformationen entstanden mit glatten Oberflächen, die als Rutschen verwendet werden können.

Wir werden ausgestattet mit Neoprenanzügen, Helmen und wasserfesten Schuhen. Dann führt uns unser Tourguide mitten ins Abenteuer: Abseilen, die nassen Steine entlang rutschen und waghalsige Sprünge in die kühlen Naturbecken – es braucht etwas Mut und Abenteuerlust. Der höchste Sprung dieser Tour misst etwa sieben Meter. Ich habe Schiss. Es ist auch möglich, die Hindernisse zu umgehen, niemand muss springen oder sich abseilen lassen, wenn er sich nicht traut. Nachdem aber die ganze Gruppe ohne Angst hinunterspringt, finde ich, ich kann nicht kneifen und nehme die sieben Meter ebenfalls in Angriff. Einen Wimpernschlag später tauche ich ins kühle Wasser ein, es ist einfach herrlich. Auch meine Kinder sind begeistert – sie haben die ganze Tour ohne Angst mitgemacht und hätten danach am liebsten gleich die nächste gebucht.

Meine Tochter Maé und ihr Papi Raphael lassen sich im Val di Vira vom Canyoning-Guide abseilen.

Seilpark und Rodelbahn auf dem Monte Tamaro

Zwischen den Bäumen balancieren – der Seilpark auf dem Monte Tamaro ist ein Ferien-Highlight für die Kinder.

Wir bleiben gleich beim Abenteuer und begeben uns auf den Monte Tamaro. Man gelangt ab Rivera mit der Seilbahn auf den Berg, diese wurde kürzlich saniert und erst im Herbst 2025 wiedereröffnet. Auf dem Monte Tamaro lässt sich übrigens auch prima wandern, eine Route führt beispielsweise über mehrere Gipfel bis zum Monte Lema. Bei gutem Wetter kann man hier oben bis zum Monte-Rosa-Massiv und zum Matterhorn blicken. Dies macht den Gipfel des Monte Tamaro zu einem der wenigen Aussichtspunkte, die einen gleichzeitigen Blick auf den tiefstgelegenen (am Lago Maggiore) und den höchstgelegenen Punkt (Dufourspitze) der Schweiz erlauben.

Ich bin etwas abgeschweift, zurück zu unserem Abenteuer. An der Mittelstation der Gondelbahn wartet ein riesiger Seilpark – Kinder und Erwachsene können in schwindelerregender Höhe über die Hindernisse zwischen den Bäumen balancieren. Der akrobatische Parcours fordert Jung und Alt heraus.

Der Seilpark ist für unsere Kinder in jeden Tessin-Ferien ein absolutes Must. Es gibt drei Schwierigkeitsstufen, Mini, Mittel und Gross – man muss etwas aufpassen, nicht alle Kinder können aufgrund ihres Alters oder ihrer Grösse gleichzeitig den gleichen Parcours absolvieren, so muss man sich als Eltern aufteilen, um alle Kinder begleiten zu können. Zuerst gibt es eine Einweisung, wie die Sicherheitshaken zu handhaben sind – es ist aber nicht schwierig, die Kinder verstehen es sofort.

An der Bergstation der Gondelbahn gibt es noch mehr zu erleben. Wer den Nervenkitzel sucht, kann die 440 Meter lange Tyrolienne mit einer Höchstgeschwindigkeit von sechzig Kilometern pro Stunde hinuntersausen. Knapp fünfzig Kilometer pro Stunde schafft die Rodelbahn gleich nebenan. Kinder ab acht Jahren dürfen allein fahren, zuvor müssen sie von einer erwachsenen Person begleitet werden. Entspannung und etwas fürs Gemüt gibt es dann im gemütlichen Bergrestaurant, zu dem auch ein grosser Spielplatz gehört.

Die Sommer-Rodelbahn auf dem Monte Tamaro bietet einen Geschwindigkeitsrausch für Gross und Klein.

Sonogno: Kaminfegermuseum und Wasserfall

Die Kirche von Sonogno – der Spaziergang durch das Dörfchen lässt einen denken, man sei im Mittelalter gelandet.

Der nächste Ausflug führt uns nach Sonogno, ganz hinten im Verzascatal. Ins Tal mit dem smaragdgrünen Fluss gelangt man von Tenero her mit dem Auto oder dem Postauto. Die Fahrt ins hinterste Dörfchen dauert rund eine Stunde. Belohnt wird man mit einem Anblick, der einen in der Zeit rund zweihundert Jahre in die Vergangenheit versetzt. Als ich das letzte Mal in Sonogno war, traf ich keine Menschenseele, dafür einen Esel auf dem Dorfplatz.

Im Moment leben in Sonogno etwas mehr als achtzig Einwohner. Es ist keine eigene Gemeinde mehr – 2020 wurden mehrere Dörfer des Tals zur Einheitsgemeinde Verzasca fusioniert. 1974 wurde in Sonogno das Museum des Verzascatals eröffnet. Es erzählt auch die Geschichte der Kaminfegerkinder, das sind die Buben, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert in den Städten Norditaliens als Kaminfeger (spazzacamini) arbeiten mussten. Das Museum liegt direkt beim Dorfeingang und ist einen Besuch wert – die Geschichte des Tals und der spazzacamini werden modern und spannend dargestellt und die Mitarbeitenden sind sehr freundlich. Kennt ihr übrigens das Kinder- und Jugendbuch «Die schwarzen Brüder» von Kurt Held und Lisa Tetzner? Das Buch erzählt ebenfalls die Geschichte der Kaminfegerkinder und spielt zu einem Teil in Sonogno. Ich finde Sonogno so wunderschön und inspirierend, dass auch ich einen Roman geschrieben habe, der hier spielt, «Sommertage im Tessin».

Eine gepflasterte Gasse führt durch das Dorf hindurch und auf der anderen Seite wieder hinaus. Es lohnt sich, auf diesem Weg weiterzugehen. Nur wenige Minuten später hört man ein Rauschen auf der linken Seite. Schon kurz drauf kann man ihn erblicken: den Froda-Wasserfall, wo der Fluss Riale Carded rund siebzig Meter in die Tiefe stürzt. Man kommt bis zum Becken unter dem Wasserfall heran – eine kleine Holzbrücke führt über den Fluss, danach steigt man über einen Wanderweg und einige Felsbrocken in die Höhe. Der Aufstieg dauert nicht lange, nur ein paar Minuten und er ist auch für Kinder gut machbar – allerdings nicht unbedingt für Kinderwagen. Für mich ist der Wasserfall ein Kraftort. Wenn ich dort bin, fühle ich mich geerdet, ruhig und irgendwie mit mir und dem Leben verbunden. Die Gischt spritzt in alle Richtungen, es ist laut und trotzdem ganz leise. Viele inspirierende Ideen zu meinen Tessin-Romanen kamen mir dort, während ich auf den Steinen sass. Deshalb musste dieser Ausflug unbedingt auf meine Favoriten-Liste.

Etwas Tessiner Kultur: Die Brissago Inseln

Die Brissago-Inseln aus der Vogelperspektive. (Foto: Unsplash)

Zeit, es etwas langsamer anzugehen. Wir machen einen Ausflug zu den Brissago-Inseln, die mitten im Lago Maggiore liegen und den Botanischen Garten des Kantons Tessin beherbergen. Die kleinere Insel, die Isola di Sant’Appollinare heisst, ist von der natürlichen Vegetation bedeckt. Auf der grösseren Insel, der Isola di San Pancrazio, findet sich der Garten mit seinen subtropischen Pflanzen.

Es war 1885 die Baronin Antoinette Saint-Léger, welche die Insel zu ihrem Wohnsitz machte und den exotischen Garten anlegte. 1927 liess der neue Besitzer Max Emden, ein Geschäftsmann aus Hamburg, das Inselpalais, den Hafen und das Römische Bad bauen. Die Inseln waren aber schon seit der Römerzeit besiedelt. Archäologische Funde aus dieser Zeit sind im Museum in Locarno ausgestellt. Im Mittelalter standen zwei Kirchen auf der grösseren Insel. 1875 sollte eine Dynamitfabrik errichtet werden, die Nitroglycerin für den Bau des Gotthardtunnels liefern sollten. Der Plan wurde jedoch nie umgesetzt.

Zu den Inseln gelangt man, wie könnte es anders sein, mit dem Schiff. Von Locarno oder Ascona aus kann man bequem zusteigen (täglich von März bis November). Auf der Insel selbst gibt es einen Rundgang durch den botanischen Garten, man kann auch eine Führung dazu buchen. Das haben wir nicht gemacht. Ein Kiesweg führt um die Insel herum durch die verschiedenen Pflanzenwelten. Azaleen, Rhododendren, Kamelien, Bambus oder Gingko hier – Agave, Sumpfzypresse, Salbei oder Opuntie dort drüben.

Besonders spannend ist der Bambuswald, in dem weisser Dampf aus dem Boden tritt. Es sieht fast mystisch aus – ich habe bei all meinen Recherchen nicht herausgefunden, woher dieser Dampf kommt. Es ist ein seltsames Gefühl, durch diesen geheimnisvollen Wald zu streifen. Am Schluss des Rundgangs kann man sich in der noch heute bestehenden Villa Emden, die ein Restaurant und einige Hotelzimmer beherbergt, stärken.

Baden und Grillieren in Pozzo di Tegna

Die Lagune Pozzo di Tegna bei Ponte Brolla verschafft den Tessin-Touristen etwas Strandfeeling.

Damit sind wir schon bei meinem letzten Ausflugstipp im Tessin angekommen. Zum Schluss gibt es etwas Entspannung – einen Bade- und Grillplausch am Sandstrand von Pozzo di Tegna. Der Badestrand liegt an einem aufgestauten Becken des Flusses Maggia. Die Maggia entspringt dem Basodino Gletscher auf über dreitausend Metern über Meer und mündet zwischen Locarno und Ascona in den Lago Maggiore. Im malerischen Tal laden diverse Plätze ein zum Baden. Besonders schöne Badezonen liegen bei Ponte Brolla, ganz am Anfang des Maggiatals, bei der Verzweigung ins Melezza-Tal. Hier finden übrigens auch spektakuläre Meisterschaften im Klippenspringen statt. Eine der Badezonen ist die Lagune Pozzo di Tegna. Bei der Kurve der Via Valle Maggia auf der Höhe des Bahnhofes geht es steil nach unten. Es gibt einen offiziellen Parkplatz, ein paar WC-Häuschen und einen Kiosk mit Snacks und Glaces.

Durch einen kleinen Wald gelangt man zur Lagune. Diese lädt zum Verweilen ein: Man kann Sandburgen bauen, Beachvolleyball spielen, sonnenbaden, grillieren oder sich im Wasser abkühlen. Dadurch, dass die Maggia an dieser Stelle gestaut ist, ist das Wasser sehr viel wärmer als an Stellen, wo es fliesst. Ich empfehle, nicht nur Sonnencreme, sondern vor allem einen guten Mückenspray mitzubringen – die Viecher sind der einzige Nachteil an diesem wundervollen Fleckchen Tessin.