Es ist früher Abend in der Carrer de Sèneca im Quartier Gràcia. Die Hitze des Tages hängt noch zwischen den Häusern, während auf den Terrassen die ersten Aperitivos serviert werden. Menschen schlendern durch die Strassen, bleiben vor Schaufenstern stehen oder suchen Schatten unter den Bäumen.
Vor der Gelato-Vitrine von Paral·lelo herrscht Hochbetrieb. Eine Amerikanerin aus Portland, die seit einigen Jahren in Barcelona lebt, versucht ihren Partner von einer ungewöhnlichen Wahl zu überzeugen. „Die Aprikose ist grossartig“, meint er. „Ja, aber hast du schon das Parmesan-Gelato probiert?“ „Parmesan? Als Gelato?“ Gleich daneben diskutiert ein französischer Architekt mit einer katalanischen Freundin über das Gelato aus gerösteter Butter oder das mit Pistazien aus Lleida. Eine Familie aus Buenos Aires probiert zum ersten Mal katalanisches Erdbeer-Gelato und eine Gruppe digitaler Nomaden fragt neugierig nach den neuesten saisonalen Kreationen.
Vor der Theke wird auf Englisch, Spanisch, Katalanisch, Italienisch und Französisch gesprochen. Nicht darüber, ob das Gelato schmeckt, sondern darüber, welches heute das spannendste ist. Genau das wollten die beiden Inhaber Marco Giancaterino und Francesco Guerrucci erreichen.
Ein Traum, der zwanzig Jahre reifte
Als ich mich mit den beiden Gründern an einen Tisch im hinteren Bereich der Gelateria setze, fällt schnell auf, dass ihre Geschichte viel älter ist als Paral·lelo selbst. „Eigentlich sprechen wir seit mehr als zwanzig Jahren darüber, gemeinsam eine Gelateria zu eröffnen“, erzählt Francesco. Die beiden kennen sich seit ihrer Jugend an der ligurischen Küste rund um Sanremo. Sie gingen gemeinsam aus, diskutierten über Essen, Reisen und Zukunftspläne. Und immer wieder über dieselbe Idee: Eine eigene Gelateria. Viele Menschen haben solche Träume. Die meisten bleiben Träume. Bei Marco und Francesco nicht und irgendwann wurde aus einer Idee ein konkreter Plan.

Warum Gelato in Barcelona?
Die Frage war nur: Wo soll diese Gelateria stehen? Die einfachste Lösung wäre Italien gewesen. Doch genau das wollten die beiden nicht: „In Italien gibt es fantastische Gelaterias an jeder Ecke“, sagt Marco. „Wir wollten nicht einfach die nächste eröffnen.“ Zwischendurch standen andere Orte zur Diskussion, zum Beispiel Teneriffa. Am Ende fiel die Entscheidung auf Barcelona: Eine Stadt voller Kreativität, voller Architektur, Gastronomie und mit Menschen aus aller Welt.
Als die beiden vor rund zehn Jahren ankamen, überraschte sie allerdings etwas: „Es gab auch hier viele Gelaterias“, erinnert sich Francesco. „Aber oft dieselben Geschmacksrichtungen, dieselben Ideen und wenig Mut zum Experiment.“ Barcelona war kulinarisch spannend, beim Gelato sahen sie jedoch Raum für Neues. „Wir wollten zeigen, dass Gelato genauso kreativ sein kann wie die moderne Küche der Stadt.“

Alles beginnt mit Paola und Anna
Während wir durch die Gelateria gehen, bleibt Marco plötzlich stehen und zeigt auf einen Platz vor der Vitrine. „Genau dort, wo du jetzt stehst, Stephan, standen vor ein paar Tagen meine Mutter und meine Tante.“ Er lächelt. „Und sie haben genau das gemacht, was sie ihr ganzes Leben lang gemacht haben: Gelato probiert, diskutiert und kritisiert.“ Paola und Anna: Die Mutter und die Tante von Marco. Ohne die beiden gäbe es diese Geschichte vermutlich nicht.
Lange bevor es Paral·lelo in Barcelona gab, führten die beiden Schwestern gemeinsam eine kleine Gelateria im ligurischen Küstenort Santo Stefano al Mare zwischen Imperia und Sanremo. Dort verbrachte Marco einen grossen Teil seiner Kindheit. Zwischen Eismaschinen, Milchkannen, Früchtekisten und Stammgästen. „Andere Kinder spielten Fussball. Ich sass oft in der Gelateria.“ Er beobachtete seine Mutter und seine Tante bei der Arbeit. Wie sie Zutaten auswählten. Wie sie über Rezepte diskutierten. Wie sie Stammgäste begrüssten. Und wie ernst sie ihr Handwerk nahmen. „Dort habe ich gelernt, dass gutes Gelato eigentlich ganz einfach ist: Respekt vor den Zutaten. Respekt vor den Menschen.“
Noch heute reisen Paola und Anna regelmässig nach Barcelona. Ihre Besuche werden von Marco jeweils mit besonderer Vorfreude erwartet. Für die Mitarbeitenden gehören sie längst zur Paral·lelo-Familie. „Meine Mutter und meine Tante sind wahrscheinlich unsere strengsten Kritiker“, sagt er lachend. „Wenn ihnen etwas nicht gefällt, erfahre ich es sofort. Und glaub mir: Sie nehmen dabei keine Rücksicht darauf, dass ich inzwischen selbst eine Gelateria besitze.“
Heute arbeiten bei Paral·lelo 27 Menschen: Italiener, Katalanen, Kolumbianer, Argentinier, Chilenen, und viele weitere Nationalitäten. Wer einige Stunden im Laden verbringt, hört ständig verschiedene Sprachen. Es wird diskutiert, gelacht, probiert. Neue Ideen dürfen von allen eingebracht werden. „Wir verbringen einen grossen Teil unseres Lebens hier“, sagt Francesco. „Deshalb muss es ein Ort sein, an dem sich alle wohlfühlen.“
Von Parmesan bis Lachs-Gelato
Vielleicht erklärt diese Mischung aus Tradition und Neugier, warum Paral·lelo heute für Sorten bekannt ist, die man in einer klassischen Gelateria selten findet: Parmigiano Reggiano, Sardellen mit gerösteten Brotwürfeln, Steinpilz, Senf, geräucherter Lachs, geröstete Butter. Manche Ideen stammen aus der italienischen Küche. Andere aus der katalanischen. Viele entstehen in Gesprächen innerhalb des Teams. „Wenn niemand zuerst denkt, wir seien verrückt geworden, ist die Idee wahrscheinlich nicht mutig genug“, sagt Francesco und lacht. Dabei geht es nie um Provokation. Sondern um Neugier. Um die Frage, was Gelato alles sein kann, alles sein darf: „Am Ende ist es eigentlich ganz einfach“, sagt er. „Wenn jemand das Gelato probiert und unwillkürlich lächelt, dann wissen wir, dass das Aroma funktioniert. Dieses Lächeln suchen wir jeden Tag.“
Katalonien in einer Kugel
Während unseres Gesprächs öffnet sich die Tür. Dídac vom Gemüsegarten L’Hort de Dídac bringt frische Früchte vorbei: 70 Kilogramm Erdbeeren aus dem Maresme, 45 Kilogramm Aprikosen. Die Lieferung dauert nur wenige Minuten, erzählt aber viel über die Philosophie von Paral·lelo: Die Erdbeeren stammen von der katalanischen Küste, die Marcona-Mandeln aus Tarragona, die Pistazien aus Lleida, Milch, Rahm und Joghurt von lokalen Bauernhöfen. „Wenn wir in Barcelona leben, soll unser Gelato auch nach Barcelona schmecken“, sagt Marco. Genau deshalb verändern sich die Sorten ständig mit den Jahreszeiten. Wer heute kommt, findet vielleicht Aprikosen. Wer in zwei Monaten zurückkehrt, entdeckt etwas völlig anderes.


Bevor ich gehe, bestelle ich mir noch eine letzte Kugel Gelato: Nata mit Dulce de Leche und Erdnüssen. Marco lächelt. „Das ist die Lieblingssorte meiner Mutter.“ Ich kann sie mir gut vorstellen, die Mama und die Tante. Wie sie Sorten probieren, diskutieren und kritisch bewerten. Mir wird klar, dass Paral·lelo zwar in Barcelona entstanden ist, seine Wurzeln aber noch immer an der ligurischen Küste liegen: In den Rezepten steckt italienisches Handwerk, in den Zutaten steckt Katalonien, und zwischen beidem die Geschichte zweier Schwestern und zweier Jugendfreunde. Ich probiere noch einmal von Mama Paolas Lieblingsgelato. Und muss lächeln.



