Schon seit vielen Jahren bin ich ein grosser Tessin-Fan. Meine Familie besitzt eine kleine Wohnung in Orselina, das liegt oberhalb von Locarno, und ich verbringe sehr viel Zeit dort. Dank meiner Kinder hatte ich die Gelegenheit, viele Ausflüge, Wanderungen und Grotti in der Region rund um Locarno auszuprobieren kennenzulernen. Und obwohl ich jedes Jahr mehrere Wochen im Süden der Schweiz verbringe, habe ich noch immer nicht alles erlebt und gesehen. Meine Lieblingsorte möchte ich euch gerne vorstellen. Im letzten Teil meiner Serie zeige ich euch meine fünf liebsten Tessiner Grotti – mit Spezialitäten der Region, tollem Ambiente und Platz zum Toben für die Kinder.

Kulinarikparadies Tessin
Man findet sie im Tessin überall – die typischen Grotti sind lokale Rustici, die sich häufig an abgelegenen, schattigen Orten befinden. In einem Grotto ist die Temperatur konstant und kühl, das ganze Jahr. Die Grotti waren die «Kühlschränke» unserer Grosseltern. Heute sind sie öffentliche Lokale mit Granittischen unter Jahrhunderte alten Laubbäumen. In der Regel werden einheimische Gerichte serviert: Risotto, Polenta mit Braten, Minestrone, Käse oder im Herbst die beliebten Kastanienkuchen. Es lohnt sich, in einem Grotto einzukehren und die Tessiner Lebensfreude zu entdecken. Also, los geht’s auf eine kleine kulinarische Reise durch das Tessin.
Grotto Ca’Nostra in Brione sopra Minusio
Ich beginne sogleich mit meinem absoluten Lieblingsgrotto. Es überzeugt nicht nur mit seiner fantastischen Lage hoch über dem Lago Maggiore, sondern auch mit seinem einzigartigen Ambiente und dem leckeren Angebot. Ca’ ist im Tessin die Abkürzung für Casa, also Haus. «Unser Haus» wäre somit die deutsche Übersetzung des Ca’Nostra. Für mich ist es besonders toll, weil es von unserer Wohnung aus ganz einfach zu erreichen ist, fünf Minuten mit dem Auto oder dem Bus oder rund zwanzig Minuten zu Fuss, schon bin ich dort.
Ich empfehle, das Grotto an einem warmen Sommerabend zu besuchen – so kann man auf der Terrasse essen und seinen Blick nach unten richten. Das Ca’Nostra bietet einen fantastischen Ausblick über den Lago Maggiore, die Brissago-Inseln, Locarno, Ascona, Tenero und die Magadinoebene.
Typisch Tessin ist die Menükarte: Zur Vorspeise gibt es lokale Wurstwaren, zum Hauptgang wählt man zwischen mit Blauschimmelkäse überbackener Polenta, Steinpilzrisotto oder Ossobuco. Ab zwei Personen kann man sein Fleisch auf einem eigenen kleinen Tischgrill zubereiten. Mein Highlight sind die Gerichte mit Trüffel, von denen es mehrere zur Auswahl gibt. Und zum Abschluss geniesst man ein Zitronentörtchen mit flambierter Meringue oder ein Pannacotta mit Waldfrüchten. Dazu wird für jene, die sich das wünschen, der passende Wein aus der Region serviert. Die Küche setzt auf traditionelle, einheimische Produkte – die gleichzeitig einfach, aber auch modern und überraschend sind. Ich habe hier schon so viele kulinarisch inspirierende Abende erlebt, jedes Mal fühlte ich mich danach nicht nur satt, sondern auch ruhig und geerdet.



Grotto Efra ausserhalb von Sonogno
Sonogno haben wir bereits kennengelernt – im zweiten Teil der Tessin-Serie, als es um Ausflugsziele ging. Was ich da verschwiegen habe: Es gibt etwas ausserhalb des Dörfchens, auf dem Weg zum Wasserfall, auch ein tolles Grotto. Das Efra. Ich finde die Lage und das Ambiente des Grottos so fantastisch, dass ich es zum Hauptprotagonisten meines Romans «Sommertage im Tessin» gemacht habe.

Am Efra läuft man automatisch vorbei, wenn man nach Sonogno kommt, man kann es nicht verpassen. In der Regel beginnt die Saison im Efra im Mai und dauert bis Oktober. Das Grotto liegt sehr abgelegen, es hilft, wenn man vorab die Öffnungszeiten checkt. Und dabei gleich einen Tisch reserviert – ist es nämlich geöffnet, ist oft rasch alles ausgebucht. Um das Grotto herum gibt es viel Platz zum Toben für die Kinder, ein kleiner Spielplatz und eine Bocciabahn sind ebenso vorhanden. Ich würde das Essen im Efra unbedingt mit einem Ausflug nach Sonogno und zum Wasserfall kombinieren.
Uns erwartet ein klassisches Grotto mit Steintischen unter alten Bäumen, viel Schatten und mit rustikal-gemütlicher Stimmung. Im Herbst wird das Efra durch ein Kaminfeuer im Inneren besonders schön. Es gibt die typische Tessiner Bergküche mit Polenta, lokalen Käsegerichten, Schmorbraten und hausgemachten Desserts wie Pannacotta oder Torta di Pane. Nach dem Mahl ist man in zehn Minuten in Sonogno, wo man mit dem Bus oder dem Auto zurück in die Zivilisation reisen kann.
Viel Spass im Grotto Broggini in Losone
Das Grotto Broggini liegt in einem Wohnviertel in Losone. Es ist deutlich bekannter und grösser als viele der kleinen Berggrotti – es ist fast schon ein Restaurant. Das Broggini ist eine Institution im Raum Ascona und sehr beliebt bei Familien, Einheimischen und Feriengästen. Auf uns wartet ein wunderschöner, grosser Garten unter alten Bäumen. Im Sommer sitzt man draussen herrlich schattig, im Winter innen gemütlich-rustikal.
Ein kleiner Spielplatz bietet den Kindern Abwechslung und verkürzt ihnen die Wartezeit aufs Essen. Die Spezialitäten im Broggini unterscheiden sich ebenfalls ein bisschen von den typischen Tessiner Grotti. Legendär ist der Pouletspiess vom Holzfeuer. Daneben gibt es weitere Fleischgerichte vom Grill – dazu werden Steinpilzrisotto oder Polenta gereicht. Die meisten Gäste kommen aber gezielt wegen des Poulets.
Im Gegensatz zu den Berggrotti hat das Broggini auch eine Kinderkarte. Ich persönlich finde es ja cool, wenn es nicht immer nur Chicken Nuggets mit Pommes oder Spaghetti mit Tomatensauce gibt und das wird im Broggini erfüllt. Die Kleinen dürfen wählen zwischen Risotto, Güggeli mit Pommes oder einem Burger. Das Broggini legt viel Wert auf Qualität in Küche und Service – bei Brot und Wein, den Hauptspeisen oder den hausgemachten Desserts. Zudem ist es von Locarno oder Ascona aus sehr rasch zu erreichen und es bietet zahlreiche Parkplätze. Perfekt für einen gelungenen Abend mit Familie oder Freunden.
Gehobene Küche im Da Enzo in Ponte Brolla
Das Da Enzo in Ponte Brolla ist eine der bekanntesten Genussadressen im Raum Locarno. Das Grotto ist ein Ort, zu dem viele bewusst fahren, um gut zu essen und einen besonderen Abend zu verbringen. Das Haus liegt in der historischen Grotti-Zone von Ponte Brolla/Tegna, malerisch auf einem Hügel, mit grossem Garten zwischen Palmen, Bambus, Rosen und alten Bäumen. Gerade im Sommer ist die Terrasse der Star. Am Mittag spenden die Bäume Schatten, am Abend wird der Aussenbereich romantisch beleuchtet.
Die Menükarte bietet klassische Tessiner Produkte mit deutlich gehobener Handschrift. So gibt es hausgemachte Pasta und Ravioli, saisonale Risotti, Fischgerichte, Kalb, Lamm oder Wild, kreative Vorspeisen und elegante Desserts. Das Da Enzo ist zudem bekannt für starke Weinkarte mit Tessiner, italienischen und internationalen Weinen.
Das Grotto wird als «in der Guide Michelin Selecion geführt» erwähnt. Das heisst, das Da Enzo wird von Michelin empfohlen, besitzt aber keinen Stern. Trotzdem ist es ein Qualitätszeichen für sehr gute Küche. Im Gault Millau wird das Da Enzo mit 16 Punkten geführt. Das Da Enzo verbindet Tessiner Grotto-Atmosphäre mit gehobener Küche – elegant, sehr gepflegt und kulinarisch stark. Perfekt für einen kulinarischen Höhenflug.
Direkt an der Strasse: Das Grotto Cà Rossa in Gordevio
Wer mit dem Auto, dem Bus oder dem Velo durch das Maggiatal fährt, kommt nicht am Grotto Cà Rossa vorbei. Das – der Namen verrät es – rote Gebäude steht in Gordevio direkt am Strassenrand. Dennoch bietet es eine gemütliche Terrasse unter schattigen Bäumen. Der Charme des Cà Rossas ist eher lebendig denn abgelegen-romantisch. Die Küche bietet einen Mix aus Tessiner Klassikern und italienisch inspirierter Hausküche. Probiert werden müssen hier unbedingt die hausgemachten Gnocchi. Dazu gibt es Fleisch vom Grill wie Angus oder Wild. Typisch Tessin: Polenta mit verschiedenen Beilagen darf im Cà Rossa nicht fehlen. Zum Dessert geht es mit einem süssen Tiramisu oder einem kräftigen Affogato wieder nach Italien. Dazu darf man einen Tessiner Merlot geniessen.
Das Grotto Cà Rossa überzeugt mit einer guten Qualität bei den Zutaten und der Einfachheit der Speisen – hier gibt es keine kulinarischen Spielerein, sondern eine ehrliche Küche. So zieht das Grotto viele Stammgäste aus der Region an. Auch Touristen kehren gerne in Gordevio ein, das Cà Rossa ist aber sicher weniger «Hotspot» als andere Grotti. Wer sich nach einem Tagesausflug im Maggiatal stärken möchte, findet hier ein gutes Preis-Leistungsverhältnis und ein herzliches und unkompliziertes Ambiente mit freundlichen Gastgebern.
So, das war es schon mit meiner Tessin-Serie, meine fünf schönsten Wanderungen habe ich euch vorgestellt, die fünf besten Ausflugstipps und die fünf leckersten Grotti. Ich freue mich schon auf meinen nächsten Ausflug ins Tessin – dann kann ich wieder neue Erfahrungen sammeln. Ich hoffe, meine Tipps helfen euch, eure Tessin-Bucketlist mit spannenden Ideen zu füllen.



